Norman Bieligs Agentur „desire lines“ setzt sich für nachhaltigen Rad-Tourismus ein | Foto: Privat

Norman Bieligs Agentur „desire lines“ setzt sich für nachhaltigen Rad-Tourismus ein | Foto: Privat

Vom nachhaltigen Radeln

06.11.2020

Nicht nur eine Frage der Emissionen: Norman Bielig weiß, warum das E-Bike ein vernünftiges Vehikel sein kann

Herr Bielig, wir gehen mal davon aus, dass Sie selbst E-Bike fahren.
Ja, ein Hardtail von Ghost. Damit fahre ich zum Einkaufen, in die Berge für Film- und Foto-Shootings und ziehe den Kinderanhänger durch den Bayerischen Wald.

Wie macht sich das in Ihrem CO2- Fußabdruck bemerkbar: Ersetzt es das Auto oder eher das normale Fahrrad?
Eher das Auto, doch das E-Bike bietet mehr als nur die Vermeidung von Emissionen. Erst einmal ist es gut, dass die elektrische Unterstützung wieder mehr Menschen zum Fahrradfahren bringt. Die Folgen von Bewegungsmangel sind Todesursache Nummer eins in der westlichen Welt.

Aber Emissionen machen es plakativ und möglicherweise vergleichbar.
Ein E-Bike kann sicher nicht die Bilanz eines normalen Fahrrads erreichen. Sicher ist aber auch, dass man schon nach relativ kurzer Zeit mehr CO2 einspart, als die eigentliche Herstellung freigesetzt hat – vorausgesetzt, man radelt vor allem Wege, für die man sich sonst ins Auto gesetzt hätte. Zudem bietet das E-Bike als einziges Sportgerät einen echten Alltagsnutzen. Studien belegen, dass Menschen, die in ihrer Freizeit Fahrrad fahren, auch im Alltag eher gewillt sind, auf das Auto zu verzichten.

Wenn ich nun aber das Auto nicht stehen lassen will: Wie kann man verantwortungsvoll e-radeln?
Das Einfachste ist sicherlich, nur Öko-Strom zu tanken. Auch zum Ladeverhalten an sich gibt es gute Ratgeber. Man sollte sich genauer mit den Unterstützungsstufen beschäftigen, die einem das E-Bike bietet. Je energieschonender man damit umgeht, umso weiter kommt man mit nur einer Akku-Ladung.

Angesichts der aktuellen Modelle scheint die Reichweitenfrage eher mit einem Plus an Akku-Kapazität beantwortet zu werden.
Verantwortungsvolles Radeln fängt deshalb schon beim Kauf an. Der Akku ist ein entscheidender Faktor: Ein 400-Wattstunden-Akku verursacht in der Produktion – verglichen mit einem 500-Wh-Modell – nur 80 Prozent der Menge an CO2.

Sie setzen sich dafür ein, dass in Urlaubsregionen immer mehr Rad gefahren wird. Andere sehen da die Natur in Gefahr. Eine Zwickmühle?
Nein. Gerade das E-Biken ist eine wegegebundene Bewegungsform – und für das E-Bike werden meist existierende Wege genutzt. Aber natürlich gehört es auch dazu, unterwegs auf Flora und Fauna zu achten und etwa die Bremse nicht zu aggressiv zu nutzen, um Bremsspuren und Lärm zu vermeiden. Ein Fahrtechnikkurs ist deshalb auf jeden Fall eine gute Idee und ökologisch sinnvoll investiertes Geld.

Welche Rolle spielt das E-Bike generell in Zukunft für den Tourismus?
Es macht das Mittelgebirge und die Alpen für mehr Radfahrer zugänglich – es flacht sprichwörtlich die Berge ab. Viele Regionen begrüßen diese Entwicklung, gerade weil das E-Bike ideal ist, um sich am Urlaubsort anders als mit dem Auto oder Bus fortzubewegen. Wir sehen gerade im Alpenraum autofreie Zonen: Viele Wanderer fahren mit dem E-Bike zum Einstieg ihrer Tour. Und auch Kletterer nutzen es, um an den Fels zu gelangen.
________________________
Interview: Christian Ettl