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Das Winora „Sinus Tria N8“ ist ein typischer Vertreter von City-E-Bikes. Der neue Bosch-Active-Plus-Motor macht es agil und gleichzeitig angenehm leise

Stadt der Gegensätze

12.06.2018

BOZEN im Frühjahr ist ein echter Geheimtipp. Gar nicht gestrig trifft Tradition auf Zukunft, wird die Südtiroler Landeshauptstadt zum Laufsteg für unsere Highlights der neuen City-E-Bike-Saison

Wenn man die Bozener fragt, welche berühmten Bewohner ihrer Stadt man aufsuchen solle, sagen viele: den Ötzi, klar. Die 5300 Jahre alte Mumie aus dem Eis liegt in einem Museums Kühlschrank mitten in der Altstadt. Für die sportlicheren Einheimischen ist dagegen Franz Viehweider der Mann, den man unbedingt kennen muss. Der 62-Jährige mit dem blanken Oberkopf und Ohrringen betreibt den E-Bike-Shop PimpGarage. Vor allem aber redet Viehweider viel und schnell und weiß, warum seine Stadt so ein fabelhafter Ort ist: „Weil meiner Meinung nach nirgendwo der Zusammenprall der Kulturen so großartig funktioniert wie hier.“

Bozen, das ist das 100 000-Seelen- Städtchen, in dem mediterraner Lifestyle mit Tiroler Tradition, deutschsprachige Bevölkerung (rund 25 Prozent) neben italienischsprachiger und ladinischer koexistiert. Freilich ist nicht immer alles pure Harmonie – die Zeiten, in denen die Deutschen die Italiener als „Welsche“ und die Italiener die Deutschen als „Cruccos“ („Brotfresser“) schmähten, sind gar nicht so lange her. Der Stolz auf ihre Stadt eint sie alle. Stolz auf die einzigartige Lage inmitten der Südtiroler Berge in einem grünen, palmenbewachsenen Talkessel, von dem aus es nur zehn Minuten mit der Seilbahn auf einen Tausendergipfel sind, drei Stunden bis nach Mailand und drei Stunden bis ans Meer. Stolz auf die interkulturelle Küche sowie auf die regionalen Produkte wie Wein, Äpfel und Käse.

Bozen ist aber weit mehr – zum Beispiel eine der fahrradfreundlichsten Städte Europas. 50 Kilometer Radwege führen mitten durch die Stadt, entlang der drei Flüsse Etsch, Talfer und Eisack und raus auf die Südtiroler Weinstraße zu Burgen und Schlössern. Ein perfekter 24-Stunden-Tag in der Stadt beginnt zum Beispiel mit einem Cappuccino auf der Terrasse des Stadthotelcafés „Città“ am Waltherplatz. Zwischen Sperlingsgezirpe und Kaffeemaschinenbrummen lesen hier Geschäftsmänner die Zeitung oder treffen sich Society-Damen auf ein Glas Schaumwein – zum Beispiel in der Laubengasse mit ihren gotischen Laubengängen und prächtigen barocken Palästen, Erkern und bemalten Fassaden. In den Lauben finden sich neben Designerboutiquen immer noch lokale Händler für Feinkost, Stoffe oder Tracht. Am Ende der Laubengasse schließt dann die Piazza delle Erbe an, der Obstmarkt. Nach dessen Besuch schwärmte schon Goethe in seiner „Italienischen Reise“, wer sein „Entzücken vernähme, er würde mich für sehr kindisch halten“.

Früher als angestaubt belächelt, ist Bozen heute weltoffen - ohne Angst vor Veränderungen

Wen all das feilgebotene Obst und Gemüse neben Speck und Käse hungrig macht, der kehrt ins benachbarte „Vögele“ ein, das älteste Wirtshaus der Stadt. Zwischen dunkler Holzvertäfelung und bunten Fresken ordert man am besten die „Knödel-Kiste“ – im Holzkästchen servierte Rote-Beete-, Spinatund Käse-Klöße. Danach bietet sich eine Stippvisite beim Ötzi an, der Gletscher- Mumie, die bei –6 Grad Celsius in ihrem gläsernen Grab im Archäologiemuseum frisch gehalten wird.

Auf der anderen Seite der Brücke beginnt das zweite Bozen – Gegenentwurf zum Baustil der Altstadt. Die Faschisten haben hier in den 1920erund 30er-Jahren eine Art Triumphbogen und wie Bauhaus-Architektur anmutende Prunkbauten geschaffen. Die einen Einwohner missbilligen sie, die anderen schätzen ihre kühle Schönheit.

Bozen ist nun mal die Stadt der Gegensätze – und dazu gehört mittlerweile auch eine pulsierende Kulturszene. Da ist zum Beispiel das Museion, spektakulärer Glasbau und Hort moderner Kunst. Neben vielen jungen Galerien gibt es zahlreiche Theateraufführungen und Art-Happenings. Der Eventmanager Peter Linger, 28, freut sich, dass seine oft als etwas altmodisch belächelte Heimatstadt „weltoffen geworden ist und keine Angst mehr vor Veränderungen hat“. Anna Quinz, Co-Gründerin des trendigen Online-Magazins „Franz“, pflichtet ihm bei: „Wir sind die Generation des Wandels.“ Was Quinz an Bozen besonders mag? „Dass es ein entspanntes Slow-Life gibt und trotzdem lebendig und international ist.“ E-Bike-Fachmann Viehweider erlebt das jeden Tag, wenn junge Leute aus aller Welt, die an der Bozener Uni studieren, in seinen Laden kommen.

Es sind Franzosen, Australier oder Amerikaner – und sie alle radeln. Mehrere Tausend Elektroräder sind in Bozen und Umgebung unterwegs. Das lässt sich am Ende des Tages zum Beispiel in der Bar des „Parkhotels Laurin“ spüren, das im Foyer davon zeugt, dass die Bozener auch Humor haben. Wie in einer Kunstausstellung aufgehängt, finden sich dort vakuumierte Trouvaillen, die Hotelbesucher vergessen haben – von Brillen und Schlüsseln bis hin zu Sexspielzeugen.

Franz Viehweider aber hat einen ganz anderen Lieblingsplatz für den Feierabend. Er fährt dann mit seinem E-Bike die 1000 Höhenmeter hinauf auf das Rittner Hochplateau und freut sich beim Sonnenuntergang am Blick auf die Dolomiten, das Sarntal und den Bozener Talkessel. Für Viehweider ist seine Heimat dann immer wieder aufs Neue „der schönste Ort der Welt“.
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Marika Schaertl