Geschäftsführer Matthias Blazanovic inmitten seines Teams | Fotos: Bikemap

Geschäftsführer Matthias Blazanovic inmitten seines Teams | Fotos: Bikemap

„Sharing verändert Städte“

14.11.2018

Matthias Blazanovic ist Geschäftsführer von Bikemap. Die digitale Routenplattform könnte zukünftig auch die urbane Mobilität mitgestalten

Herr Blazanovic, was ist Bikemap?
Bikemap ist eine digitale Plattform für Fahrradrouten. Unser Anspruch ist es, die bestmögliche Fahrradkarte auf dem Smartphone inklusive Sprachnavigation bereitzustellen – auch offline.

Worin liegt der Unterschied zu anderen Plattformen?
Wir setzen auf User Generated Content und sind mit allen gängigen Bike-Computern und Trainingsgeräten kompatibel. Das ergibt eine einzigartige Dichte und Aktualität der Daten. Darüber hinaus fokussieren wir uns ausschließlich auf den Radfahrer. So können wir spezifische, innovative Funktionen anbieten – wie in Zukunft besonders akkusparende Navigation für E-Biker. Je mehr Informationen in unsere Plattform fließen, desto besser wird der Service für die Community.

Man denkt bei derartigen Angeboten schnell an Trekking- Routen und -Trails. Die meisten Räder werden aber sicherlich in den Städten bewegt.
Städte weltweit erleben derzeit einen Fahrrad-Boom. Regierungen und Stadtplaner haben erkannt, dass das Fahrrad als günstiges, effizientes Verkehrsmittel einen maßgeblichen Anteil an einer nachhaltigen Mobilitätsentwicklung haben muss und kann. Durch Sharingund E-Bikes werden zudem völlig neue Nutzerschichten aktiviert.

Jetzt ist aber gerade in Deutschland das „geteilte“ Rad keine Erfolgsgeschichte.
Innerhalb von 18 Monaten wurden weltweit mehr als 300 Millionen Sharing- Bikes auf den Markt gespült – zugegeben, mit allen negativen Konsequenzen. Wir befinden uns aber auch erst am Beginn des Trends. Denn für viele Wege, gerade in der Stadt, ist das Fahrrad die beste Wahl. Und man darf bitte nicht vergessen, dass nur ein Bruchteil der oben genannten Menge E-Bikes waren.

Welche Rolle kann das E-Bike spielen?
E-Bikes haben zu einem Innovationsschub in der Fahrradindustrie geführt. So haben viele Menschen das Fahrradfahren wieder für sich entdeckt. Entscheidend, in Europa aber noch weitestgehend ignoriert, ist, dass günstige E-Bikes im Sharing die Mobilität der Zukunft maßgeblich mitgestalten werden. Das ist ein Multi milliardenmarkt, der das Gesicht der Städte verändern wird. Und es außerhalb Europas schon tut.

Was hat man uns denn in den USA oder Asien voraus?
In beiden Regionen pflegt man einen vergleichsweise sorglosen Umgang mit Innovationen, nutzt rechtliche Grauzonen aus, um Märkte rasch zu durchdringen. Derzeit finden im Wochentakt Milliardenübernahmen im Bereich Bikeoder Scooter-Sharing statt. Wir Europäer sind deutlich vorsichtiger, was nicht per se schlecht ist. Trotzdem muss man sagen: Bis wir in das Spiel einsteigen, haben die Amerikaner und Asiaten den Markt wohl bereits untereinander aufgeteilt. Dabei hätte Europa gerade aufgrund der sehr guten Infrastruktur und einer tief verankerten Fahrradkultur Standortvorteile.

Was muss sich also ändern?
Es braucht einen europaweit einheitlichen rechtlichen Rahmen für die Bereitstellung und Nutzung von (E-)Sharing- Bikes. Wir haben bereits zu viele technologische Entwicklungen aufgrund von regulatorischer Trägheit verschlafen. Europa als Treiber für die Zukunft der städtischen Mobilität zu positionieren, finde ich nicht nur charmant, sondern auch absolut zweckmäßig.

Am besten arbeiten dann alle Mobilitätsanbieter zusammen. Geteilte Echtzeitdaten für sicheren Verkehr bereitzustellen wäre doch eine Idee?
Der Fahrradfahrer gehört zu den schwächsten Verkehrsteilnehmern. Wir sind naturgemäß daran interessiert, dass unsere Daten den Verkehr für Radfahrer und alle sicherer machen. Für Kooperationen stehen wir jedenfalls sehr gern bereit.

Sind wir eigentlich schon so weit zu sagen: Teilen ist besser als besitzen?
Beides muss sich nicht ausschließen. Mit dem eigenen Auto zum Stadtrand, von dort auf dem geteilten E-Bike ins Büro ist das klassische Pendler-Beispiel. Wir wollen mit Bikemap 2019 eine standardisierte digitale Fahrradkarte anbieten, die alle Sharing-Bike-Anbieter zusammenfasst. Darüber hinaus wird diese Frage vom Pragmatismus entschieden werden: Wenn es wirtschaftlicher ist zu teilen, werden Menschen auch auf Sharing zugreifen. Und das ist besonders auf den Kurzdistanzen definitiv der Fall.
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Interview: Patrick Morda

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