Mobilität und Blockchain

08.01.2021

In Zukunft muss in Sachen Mobilität vieles einfacher und effizienter werden. Ein möglicher Hebel findet sich im Internet: die Blockchain.

Nachdem genug Strom in den Akku seines E-Autos geladen ist, sucht Dirk Röder nach der passenden Karte, hält sie an die Ladesäule, zahlt und sagt: „In Zukunft wird das alles einfacher sein.“

Dirk RoederRöder arbeitet für den Unternehmensdigitalisierer MaibornWolff und fragt sich privat wie geschäftlich schon länger, warum Autos eigentlich nicht mit der Säule „sprechen“ und den Bezahlvorgang automatisch erledigen.

Die Antwort darauf ist komplex. Die einfache Version lautet, dass Geld nicht ohne Weiteres auf digitalem Weg übertragbar ist. Bisher bedarf es mindestens einer Instanz, die zwischen den Beteiligten steckt – zum Beispiel eine Bank. Und Ladesäule, Fahrer und Auto müssten identifizierbar sein, eine digitale Identität ausweisen können. „Und da“, sagt Dirk Röder, „kann die Blockchain ins Spiel kommen.“

Deren Anfänge liegen im Jahr 2009, als der Bitcoin als sogenannte Kryptowährung auftauchte. Mit ihm konnten erstmals Zahlungen dezentral, also ohne Clearingstelle oder Bank abgewickelt werden. Schnell stellte sich die Frage nach der (Daten-)Sicherheit. Dabei hat Satoshi Nakamoto, keiner weiß, wer hinter dem Pseudonym des Bitcoin-Erfinders steckt, eine Sicherheitsvorkehrung gleich mitgedacht.

„Die Blockchain ist ein chronologisches Verzeichnis von Einträgen, auf das unterschiedliche Teilnehmer Daten schreiben dürfen“, erklärt Röder. Mit einem digitalen Zeitstempel versehen, können die Einträge, die einmal auf der Blockchain abgelegt wurden, nicht mehr verändert werden. Das können Zahlungsinformationen für Kryptowährungen oder eben digitale Identitäten, man spricht auch vom digitalen Zwilling, sein. Röder ist davon überzeugt, dass sich die Technologie auf viele weitere Gebiete anwenden lässt.

Zum Beispiel auf den Zugang zu einem wachsenden Angebot an Mobilitätsdienstleistungen. Harry Behrens leitet seit 2018 die Blockchain Factory bei der Daimler Mobility AG. Für ihn ist die Technologie eine fundamentale Umwälzung, auf deren Basis man neuartige Geschäftsmodelle entwickeln kann. „Der dezentrale Ansatz von Blockchain macht in Sachen Mobilität vieles effizienter“, sagt der Experte. Beispiel Sharing: „Das sogenannte Onboarding eines Kunden bei einzelnen Anbietern, das Offenlegen von persönlichen Informationen, ist immer eine Hürde.“ Mal aufgrund des komplizierten Verfahrens, mal aus fehlendem Vertrauen würden Kunden solche Anmeldevorgänge abbrechen. „Das Kerngeschäft eines Mobilitätsanbieters ist nicht das Abfragen und Verwahren der persönlichen Daten, sondern das Anbieten von Mobilität“, erklärt Behrens. Gleichzeitig brauchen Anbieter aber Informationen zu Alter, Fahrerlaubnis oder Zahlungsfähigkeit, um Zugang zu den diversen Angeboten zu gewähren.

Harry BehrensIn Zukunft könnten Unternehmen, die nichts anderes als Identitätsmanagement machen, diese Leistung einmal übernehmen und digitale Identitäten (DID) sowie den Identitätscheck via Blockchain zur Verfügung stellen. Der Vorteil für den Mobilitätsanbieter: effizientes Handling und verlässliche Daten, während der Verbraucher sich die viele Anmeldeverfahren erspart und bestenfalls barrierefrei von einem Angebot zum nächsten wechseln kann.

So ein Trust-Provider könnte beispielsweise eine Stadtverwaltung sein. Dem Einwohnermeldeamt gibt man ohnehin seine Identität preis, und Anbieter von Mobilität oder anderen Dienstleistungen können, wenn vom Kunden freigegeben, auf die nötigen Informationen zugreifen. Immer dann, wenn man von „Smart Cities“ spricht, sagt Behrens, würden solche Modelle heute schon mitgedacht.

Wenn der promovierte Informatiker an E-Mobilität denkt, scheint für ihn die Blockchain-Technologie ohnehin unumgänglich. „Wir werden in Zukunft weit mehr Ladestationen als heute Tankstellen brauchen“, weiß Behrens und geht von einem dreistelligen Faktor aus. Dadurch würde der Markt so kleinteilig, dass es eine dezentrale Herangehensweise zwingend braucht, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Sprich: Es braucht viele Anbieter von Infrastruktur, Ladesäulen und Energie. Die Blockchain könnte dafür sorgen, dass Kunden in diesem Gewimmel jeden verfügbaren Ladepunkt ohne einzelne Anmeldung nutzen könnten. Denkt man das weiter, könne man so zukünftig auch seine private Wallbox anderen freigeben, sofern deren digitale Identitäten überprüfbar auf der Blockchain abgelegt sind und Zahlungen automatisiert passieren können.

Genau mit diesen Szenarien beschäftigt sich Christopher Burgahn von der Share&Charge Foundation. Das Essener Start-up will das Laden von E-Autos einfacher und effizienter machen. Die Blockchain würde dabei regeln, dass, unabhängig vom Anbieter, der vom Nutzer zu zahlende Betrag für die aufgenommene Strommenge zu den richtigen Anteilen an die richtigen Empfänger geht. Ein Knackpunkt: die dafür nötige Kryptowährung.

Christopher BurgahnDa Währungen wie der Euro nicht auf der Blockchain abgebildet werden, braucht es digitale Alternativen wie den Bitcoin. „Ein Nachteil daran ist deren hohe Volatilität“, so Burgahn. Schließlich sorgt eben keine Notenbank im Hintergrund für Stabilität. Dass der Ansatz aber grundsätzlich funktioniert, hat ein Feldversuch Anfang des Jahres gezeigt, den Share&Charge und Innogy, ein Flächenanbieter von Ladeinfrastruktur, durchgeführt haben. Testkunden konnten mit der Kryptowährung „Dai“ ihren Ladevorgang bezahlen. Die Ergebnisse waren durchaus gut, sagt Burgahn, was bliebe, sei der Vorbehalt gegenüber der digitalen Währung. Sollte der Euro einst auf der Blockchain gehandelt werden und man nicht in Kryptowährungen tauschen müssen, würde das Ganze anders aussehen.

Deutlich weiter sei man, weiß Burgahns Kollege Dietrich Sümmermann, wenn es um Zertifi zierung geht: „Viele E-Autofahrer wollen Ökostrom laden. Bisher verlassen sie sich darauf, dass die Angaben des Stromerzeugers stimmen“, erklärt er. Die Blockchain könne diese Angaben transparent machen, indem beispielsweise Grünstromzertifikate gespeichert werden, „und zwar unmittelbar dann, wenn ein Anbieter Strom aus regenerativer Quelle in das System speist“, ergänzt Sümmermann.

Dirk Röder denkt derweil noch an einen anderen Anwendungsfall: Der Preis eines Gebrauchtwagens wird sich auch zukünftig anhand von Zustand, Tachostand und der Qualität der Wartung definieren. Hat nun jedes Auto und jede teilnehmende Werkstatt digitale Identitäten auf der Blockchain hinterlegt, liegen virtuelle Fahrzeugakten mit Kilometerständen oder Wartungsprotokollen ebenfalls dort ab. Manipulationen sind dann ausgeschlossen.

In all dem steckt noch viel Konjunktiv – aber auch viele Chancen. Auch weil man davon ausgehen kann, dass Kunden in Zukunft bereit sein werden, für den unkomplizierten und serviceorientierten Zugang zu Mobilität zu bezahlen. „Wenn man einen Wandel kommen sieht“, sagt Behrens, „ist es immer besser, diesen zu gestalten.“
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Text: Patrick Morda
Fotos: PR
Illustrationen: Shutterstock