Vier Räder, vollverkleidet Schiebedach: das Future Mobility Vehicle von Canyon

Vier Räder, vollverkleidet Schiebedach: das Future Mobility Vehicle von Canyon

Lücken sehen und schließen

08.01.2021

Vierrad-E-Bikes wie der Bio-Hybrid können Schwächen des Fahrrads ausgleichen. Und so zur echten Auto-Alternative werden.

Die Idee, E-Bikes auf vier anstatt auf zwei Rädern daherkommen zu lassen, ist nicht neu: Das norwegische Start-up Podbike beispielsweise wollte ein futuristisch wirkendes E-Bike auf vier Rädern mit Dach und allem drum und dran schon 2018 auf die Straßen bringen. Mittlerweile hat das skandinavische LEV mit „Frikar“ einen Namen und soll kurzfristig verfügbar sein. LEV kann man dabei auf zwei Arten ausschreiben: Low Emission Vehicle oder Light Electric Vehicle. E-Bikes sind praktischerweise von Natur aus beides. Der deutsche Hersteller Citkar bietet eine Cargo-Lösung, vom Bio-Hybrid soll es in Kürze beide Varianten geben.

„Wir glauben, dass wir an einem Punkt sind, an dem die Weichen für eine Mobilitätszukunft gestellt werden“, erklärt Alexander Thusbass, der für die Pierer E-Bikes GmbH, in der unter anderem die Marken Husqvarna und R Raymon versammelt sind, arbeitet und vor allem die Zukunft im Blick haben soll. Die LEVs hat er dabei als eines der nächsten großen Mobilitätsthemen identifiziert.

„Im Grunde genommen handelt es sich um mehrspurige E-Bikes, in die man sich hinein- statt daraufsetzt, die, wetter- und diebstahlgeschützt, das ganze Jahr einsatzbereit sind“, erklärt er. Die gesamte Branche habe die vergangenen Jahre damit verbracht, die Menschen von der Elektrifizierung des Fahrrads zu überzeugen. „Ein großer Schritt war das E-Mountainbike und die damit einhergehende Emotionalisierung“, sagt Thusbass, der eine dramatische Ausweitung des Radverkehrs mit neuen Mischkategorien kommen sieht.

LEVs würden dabei das Beste aus der Welt des Fahrrads mit dem Cocooning des Autos verbinden. Auf die Emotionalisierung folgt nun die Urbanisierung.

Ähnlich sieht man das auch bei Canyon. Der Koblenzer Fahrradhersteller hat seine Interpretation eines LEVs unlängst präsentiert: vierrädrig, vollverkleidet mit Schiebedach, aufwendig designt. Seit 2012 verantwortet Sebastian Wegerle bei Canyon den Bereich „Urban und Fitness“. Für die Saison 2021 wurden erstmals EBikes vorgestellt (s. Seite 37), die klar auf die Bedürfnisse des Alltags und Pendelns ausgerichtet sind – und in diesem Zuge eben auch das vierrädrige Future Mobility Concept.

„Es ist ein E-Bike, mit dem wir uns dem Auto annähern, ohne es verdrängen zu wollen“, betont Wegerle. Das Konzept soll eine Lücke füllen, die man aus Erhebungen herausgelesen habe und aus ei genen Erfahrungen kenne: den täglichen Stau, den Verzicht auf das Rad bei schlechtem Wetter, die Unfallgefahr. Auch der wesentlich bessere individuelle CO2-Fußabdruck spiele eine Rolle. „Man muss den Menschen die Vorteile transparent machen“, erklärt Wegerle. Und Lösungen zeigen, seien sie noch so futuristisch. „Wir wollen und müssen zunächst einmal sehen, wie die Reaktionen ausfallen“, bremst Sebastian Wegerle mit Blick auf das FMC etwas ein. Steigt der Leidensdruck, so die Überzeugung bei Canyon, wird sich das Verhalten der Menschen ändern, und sie werden nach neuen Konzepten und Möglichkeiten suchen.

Eine ist dann vielleicht das FMC. Um den Umstieg zu erleichtern, ist das Konzept so angelegt, dass das Rad auf der Straße bis 60 km/h schnell fahren kann und mit maximal 25 km/h unterstützend auf Fahrradwegen fahren darf. So ein Wechsel-Konzept sei aber schon aus rechtlicher Sicht kompliziert, sagt Wegerle.

Er ist dennoch guter Dinge, konnte man doch jahrzehntelang bei der Automobilindustrie eines lernen: Eine Studie muss nicht zwingend dem entsprechen, was in fünf oder zehn Jahren auf der Straße fährt. In diesem Horizont denkt auch Experte Thusbass: Im neu eröffneten Design- und Entwicklungscenter in München sollen vor allem für die Marke Husqvarna E-Bikes mit neuen LEV-Konzepten entwickelt werden. Solche, die die Lücken eher früher als später schließen.

Alexander Thusbass
Alexander Thusbass hat für die Pierer E-Bikes GmbH die Zukunft des Pedelecs im Blick