Grüner biken. Mit Nachdruck

26.02.2021

Radfahren, auch mit dem E-Bike, ist nachhaltig. Das zeigen diverse Studien. Aber beim bloßen Radeln hört es nicht auf. Wer will, kann noch deutlich mehr tun, um den eigenen ökologischen Fußabdruck weiter zu verringern

Betrachtet man die CO2-Emissionen, gibt es einen riesigen Unterschied zwischen dem Fahrrad und dem E-Bike einerseits und allen anderen Transportmitteln andererseits“, sagt Julius Jöhrens, Diplom-Physiker am Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU). Im Rahmen der „Pedelection-Studie“ verglich er mit einem Team von Wissenschaftlern die Umweltbilanz verschiedener Verkehrsmittel und betrachtete dabei nicht den unmittelbaren Energieverbrauch, sondern den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs – inklusive Herstellung, Verpackung, Auslieferung, Kilometerleistung und Entsorgung. Das Ergebnis: Während bei einer E-Bike-Tour pro Person pro Kilometer lediglich 18 Gramm CO2-Emissionen anfallen, sind es bei einem Diesel-Pkw im Durchschnitt 150 Gramm und bei einem Benziner sogar 170 Gramm – also fast zehnmal so viel. Selbst öffent liche Verkehrsmittel haben eine schlechtere Klimabilanz als das E-Bike.

Das fährt wie gedruckt
Die Verbindungselemente des Stahlrahmens für den Platzhirsch von Urwahn stammen aus dem 3-DDrucker. Die Bike-Manufaktur aus Magdeburg garantiert eine weitestgehend regionale Wertschöpfungskette – Rohrherstellung, Rahmenbau und Endmontage erfolgen in Deutschland. www.urwahnbikes.com
Hier geht's zum FOCUS E-BIKE Talk mit Urwahn

Radfahren gilt gemeinhin als extrem nachhaltig. Und doch sind E-Bikes aufgrund von Akku und Stromverbrauch angreifbar. Diese Argumente konnte das Team um Julius Jöhrens widerlegen. Selbst wenn sich beim Umsatteln vom konventionellen Rad auf das E-Bike die Ökobilanz geringfügig verschlechtert, nutzten die Befragten ihr E-Bike in etwa der Hälfte aller Fälle für Wege, die sie ansonsten mit einem Auto oder einem Transportmittel mit einem weitaus höheren Emissionsausstoß zurückgelegt hätten – und diese CO2-Einsparungen fallen weit mehr ins Gewicht. Und obwohl die Pedelection-Studie bereits 2015 veröffentlicht wurde, ist sich Jöhrens heute sicher: „Die Werte sehen für das E-Bike inzwischen noch besser aus, da sich die Umweltbilanz der Akkus weiter verbessert hat.“

Alls auf Holz
Der österreichische Hersteller My Esel fertigt Rahmen aus heimischem Holz. Die E-Bikes (ab 3490 Euro) wiegen rund 19,5 Kilo und es gibt fünf Jahre Garantie auf den dämpfenden – auf Wunsch individuell nach Maß gefertigten – Holzrahmen. www.my-esel.com

Ohnehin fallen rund 80 Prozent der CO2-Emissionen eines E-Bikes bereits bei der Produktion des Akkus an. Diese Anfangsinvestition ist laut Umweltbundesamt allerdings bereits beglichen, sobald man mit dem Pedelec 100, maximal 150 Autokilometer, ersetzt hat. Denn im Betrieb ist das E-Bike ein CO2-Sparer. Beim Systemhersteller Bosch ermittelte man in Reichweitentests einen durchschnittlichen Energieverbrauch von sieben Wattstunden pro Kilometer. Legt man den deutschen Strommix (Stand: 2019) zugrunde, fallen bei der Erzeugung einer Kilowattstunde Strom rund 401 Gramm CO2 an. Das E-Bike kommt also auf eine CO2- Emission von etwa 2,8 Gramm pro Kilometer. Ein aktueller VW Golf produziert laut Herstellerangaben rund 120 Gramm CO2 pro Kilometer, ein SUV wie der Mercedes GLC sogar 165 Gramm und mehr. Durch den weiter stei - genden Anteil von erneuerbaren Energien am Strommix, wird das E-Bike zukünftig noch umweltfreundlicher. Um das Umsteigen noch attraktiver zu machen, ist „der Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur daher einer der mächtigsten Hebel, um künftig noch mehr CO2 einzusparen“, sagt Julius Jöhrens. Durch neue Radschnellwege prognostiziert das IFEU allein für die Rhein-Ruhr- Region ein Sparpotenzial von 9500 Tonnen CO2 pro Jahr.

Kaffee in neuer Form
Seit 2012 ist der Firmenstandort von Vaude in Tettnang klimaneutral. Die Membran der Cyclist Softshell Jacket II (140 Euro) besteht zu 50 Prozent aus aufbereitetem Recyclingmate - rial. Für das Garn wird recycelter Kaffeesatz verwendet. www.vaude.com

"45% der auf einem E-Bike zurückgelegten Kilometer wurden vorher mit dem Pkw gefahren"
Quelle: Institut für Energie und Umweltforschung (IFEU)

Ins rechte Licht setzen
Bei Plastikgehäusen verursachen Rückversand und Wiederaufbereitung oft mehr CO2 als die Entsorgung. Der IQ-XS friendly (79,90 Euro) von Busch + Müller besteht aus einem zu 100 Prozent kompostierbaren, mineralölfreien Kunststoffgehäuse. www.bumm.de

Wie wichtig das Thema Nachhaltigkeit für die gesamte Branche bereits ist, zeigt auch der erste „Bike & Sustainability Report“, den das InsurTech-Start-up Hepster 2020 durchführte. Sarah Gahler, PR- und Content-Managerin bei dem Versicherungsspezialisten aus Rostock: „Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind für Radfahrer generell sehr wichtig. Jedoch setzt sich nur rund ein Drittel der Befragten damit auseinander, wie die Produktionsbedingungen aussehen und wo Teile herkommen.“ 1410 Teilnehmer wurden für den Nachhaltigkeitsreport befragt, und deren Antworten ergeben ein klares Bild: „Eine offene Kommunikation über die gesamte Wertschöpfungskette wird für Endverbraucher immer wichtiger. Diese transparent abzubilden wird sich nach und nach weiter etablieren“, so Gahler. Für eine solche Transparenz würde etwa ein Umweltsiegel für E-Bikes sorgen. Das gibt es bereits: Seit 2017 können umweltfreundliche Pedelecs über das Umweltbundesamt mit dem Blauen Engel zertifiziert werden. Bisher ist dieses Siegel jedoch Dn och nicht vergeben worden.

Die (Gummi-)Mischung machts
Das Recyclingkonzept von Schwalbe wurde 2020 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Kaputte Schläuche werden im Fahrradladen abgegeben und wiederverwertet. Reifen wie der Marathon E-Plus gelten zudem als unkaputtbar. www.schwalbe.com

Dass sich diese ihrer Verantwortung wohl bewusst sind, zeigt das Beispiel Riese & Müller: Der Hersteller verkündete 2019 seinen Plan, bis 2025 das nachhaltigste Unternehmen der E-Bike-Branche zu werden, und veröffentlichte dazu gerade seinen ersten Verantwortungsbericht. My Esel aus Österreich baut seine Räder aus heimischem Holz, die Marke Urwahn setzt auf 3-D-Druck und eine regionale Wertschöpfungskette.

PFC ade!
Vollständig auf schädliches PFC verzichtet Deuter beim Road One (5 Liter, 70 Euro). Die umweltschonende DWR-Beschichtung (Durable Water Repellency) macht den leichten Rucksack dennoch wasserund schmutzabweisend. www.deuter.com

Der Schweizer Hersteller Flyer lässt sämtliche Modelle vor Ort montieren – und das in „einem der ersten Indu striegebäude der Schweiz, das dem Minergie-P-Standard entspricht“, so Anja Knaus, die den Bereich Corporate Social Responsibility verantwortet. „Das bedeutet, dass das Gebäude mehr Energie produziert, als es verbraucht.“ Unter anderem wird durch Fotovoltaikanlagen ein Überschuss von 6500 Kilowattstunden Strom erzeugt, eine Regenwassersammelanlage speist die Toilettenspülungen sowie E-Bike- Wasch anlagen und spart so 60 Prozent des Trinkwassers ein. „Gleichzeitig arbeiten wir daran, zukünftig noch nachhaltiger zu wirtschaften – von der Abfallvermeidung bis zum Einkauf umweltfreundlicher Komponenten“, weist Anja Knaus auf weitere wichtige Bausteine hin. Denn nicht nur das Fahrrad als solches sollte man mit in Betracht ziehen. Verschiedene Hersteller haben sich inzwischen auf besonders nachhaltiges Bike-Equipment spezialisiert. Dabei zählt aber nicht nur die Produktion – sondern auch die Langlebigkeit.

Hält das Rad fit
Der pflanzliche Schmierstoff N-Toc ist Basis des „Wet Chain Lube“-Kettenöls von Green Oil. Es ist PTFE- frei, komplett aus natürlichen Bestandteilen, und die Flasche wird zu 100 Prozent aus recy celtem PET hergestellt. www.greenoil.one

Fakt ist aber: Jede Form von Recycling verbraucht auch Energie und Rohstoffe. Bestes Beispiel hierfür sind die E-Bike-Akkus. Die Stiftung GRS Batterien, die sich im Auftrag vieler Hersteller um das Recycling kümmert, gibt an, 2019 rund 123 000 Kilo an Akkumaterial eingesammelt zu haben. Denn E-Bike-Produzenten sind zu einer Rücknahme verpflichtet, ebenso wie die Radfahrer zu einer fachgerechten Entsorgung über den Bike-Händler. Allerdings beläuft sich die Recyclingeffizienz der gängigen Verfahren auf lediglich 50 bis 70 Prozent. Edelstahlgehäuse, Kunststoffteile und Kabel werden re - cycelt, der Rest eingeschmolzen. Übrig bleibt eine Legierung aus Kobalt, Nickel und Kupfer. Die Rückgewinnung von Lithium ist noch nicht sehr verbreitet, gewinnt aber zunehmend an Bedeutung. Noch mehr Grund für E-Biker, sich sorgsam um ihren Akku zu kümmern.
Wer Rad fährt, ob unterstützt oder nicht, ist also im Sinne der Nachhaltigkeit gut unterwegs. Wer beim Kauf, auch von Zubehör und Accessoires, genau hinschaut, kann seine persönliche Ökobilanz noch verbessern.
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Text: Gunnar Ebmeyer
Fotos: Hersteller