Radfahren in der Stadt kann Stress abbauen und macht dadurch am Ende sogar glücklicher | Foto: Jan Greune für FOCUS-Magazin

Radfahren in der Stadt kann Stress abbauen und macht dadurch am Ende sogar glücklicher | Foto: Jan Greune für FOCUS-Magazin

Gesünder und glücklicher: Ein Plädoyer fürs Radfahren

16.04.2021

Auf dem Fahrrad haben wir die Chance, unsere Stressbalance zu behalten. Der Mentaltrainer und Stresstherapeut Matthias Vette erklärt, warum und wie ein entspanntes Leben gelingt

Gesünder, entspannter, glücklicher: Radfahren, das kann man grundsätzlich sagen, ist eine gesundheitsfördernde Maßnahme. Und um mit einem Vorurteil aufzuräumen: Das E-Bike steht dabei nachweislich dem konventionellen Rad in nichts nach. Distanzen, die auf dem E-Bike zurückgelegt werden, das zeigen Studien, sind vergleichsweise größer und kompensieren so die E-Unterstützung.

Am effektivsten für unsere Gesundheit ist es natürlich, wenn wir entspannt durch die Natur radeln. In der Stadt sieht das schon anders aus. Der löblichen Entscheidung, sich mit dem Rad durch den Verkehr zu bewegen, steht – neben der Luftqualität und dem Lärmpegel – der Stress, den man dabei im wahrsten Sinne des Wortes erfährt, gegenüber.

Rein biologisch funktionieren wir Menschen noch wie zu Urzeiten: Mammut, Flucht und Keule bestimmen, metaphorisch gesprochen, unser Bewusstsein. Wir scannen permanent unsere Umwelt, um lauernden Gefahren (Mammut) entweder zu trotzen (Keule) oder zu entgehen (Flucht). Sobald unser Gehirn also eine Bedrohung wittert, wird unser Stressmetabolismus ausgelöst. Beim Fahrradfahrer kann das ein Lastwagen sein, der nicht genug Abstand hält, eine unübersichtliche Kreuzung oder ein aufheulender Motor. Unser Körper entscheidet instinktiv und schüttet in Bruchteilen von Sekunden unter anderem Adrenalin, Cortisol und Zucker aus. Puls und Blutdruck verändern sich, die Muskelspannung steigt. Insgesamt laufen bis zu 22 Körperreaktionen ab. Damals, im Kampf gegen das Mammut, überlebenswichtig, ist die Stressreaktion laut WHO eine der größten gesundheitlichen Bedrohungen im 21. Jahrhundert.

„REIN BIOLOGISCH FUNKTIONIEREN WIR MENSCHEN NOCH WIE ZU URZEITEN: MAMMUT, FLUCHT UND KEULE BESTIMMEN UNSER BEWUSSTSEIN“

Dem positiven Sichbewegen stehen also negative Umgebungsreize gegenüber. Wobei man sich sofort die Frage stellen sollte, ob das im Auto anders wäre. Wohl kaum: Im Auto wie auf dem Fahrrad passiert in Sachen Stress letztlich genau dasselbe. Aber, auch das zeigen Studien: Aktive Bewegung baut Stresshormone wieder ab. Auf dem Fahrrad haben wir also die Chance, unsere Stressbalance zu behalten.

Wer sich darauf einlässt, den kann das Radfahren zum Optimisten machen. Und das geht so: Im Vergleich zum Auto oder öffentlichen Nahverkehr hat der Radfahrer unmittelbareren Kontakt mit seiner Umwelt. Keine A-Säule, die den Blick einschränkt, kein überfüllter Bus in der Rushhour ohne Aussicht auf das, was draußen liegt. Diese Barrierefreiheit kann man ganz gezielt nutzen und Wartezeit – zum Beispiel an roten Ampeln – zur Übungseinheit verwandeln. Die Wartezeit sollte genutzt werden, um drei positive Dinge in der Umgebung zu finden. Das kann alles sein – vom architektonisch schönen Haus bis zum lustigen Plakat. Zum Vergleich: Durchschnittlich denkt der Mensch pro Minute 43 unbedeutende, 15 negative, aber nur 2 positive Gedanken.

Macht man sich das bewusst zur Aufgabe, wird der innere Suchlauf mehr und mehr auf positiv gestellt. Unser Gehirn lernt durch die Wiederholung. Das verhindert nicht nur negative Gedanken und reduziert die Produktion von Stresshormonen, sondern fördert im Gegenteil die Produktion von Serotonin und Dopamin, macht also glücklich.

Glückliche Menschen sind meist gesünder. Es überrascht also nicht, dass heute Krankenkassen und Arbeitgeber Seminaren zum Thema Glück aufgeschlossen gegenüberstehen und das aktive Pendeln mit dem Fahrrad mit entsprechenden Angeboten – zum Beispiel E-Bike-Leasing statt Dienstwagen – unterstützen.

Fahren Sie Rad. Denken Sie positiv, und schaltet die Ampel auf Grün, dann lächeln Sie! Wer lächelt, kann keinen negativen Gedanken haben. Nach einigen Wochen laufen diese Übungen fast automatisch ab. Sie werden sehen.

(Der ausgebildete Mentaltrainer und zertifizierte Stresstherapeut Matthias Vette hilft Menschen in Coachings, Seminaren und Vorträgen dabei, gesünder zu leben.)
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Text: Matthias Vette
Foto: Jan Greune für FOCUS-Magazin