Wie begeistert man Menschen für neue Ideen? Indem man sie ihnen zeigt, dachte sich Nico Rosberg und initiierte das Greentech-Festival | Foto: Axel Schmidt/Getty Images for Greentech Festival

Wie begeistert man Menschen für neue Ideen? Indem man sie ihnen zeigt, dachte sich Nico Rosberg und initiierte das Greentech-Festival | Foto: Axel Schmidt/Getty Images for Greentech Festival

„Geduld ist nicht unbedingt meine Stärke“

17.06.2019

Als Initiator des Greentech-Festivals steht Nico Rosberg mittlerweile mehr für überlegte Investitionen als für gewagte Überholmanöver. Erfolg hat er auch damit

Etwas gehetzt wirkend, nimmt Nico Rosberg Platz. In der einen Hand ein Stück Kuchen, in der anderen eine Flasche Wasser. Es ist warm in Berlin. Gleich öffnet das Greentech-Festival am Tempelhofer Flughafen die Tore für Besucher. Entsprechend viel zu tun hatte Mitgründer Rosberg in den letzten Tagen und hat es auch heute. Aber die Laune ist bei aller Anstrengung gut. Gerade noch auf dem Podium mit dem verantwortlichen Bundesminister Scheuer, jetzt auf besagter Couch. Schnell muss alles gehen. Tempo und Geschwindigkeit kann, darf und will man als ehemaliger Formel-1-Weltmeister und Investor nicht verlieren. In den Hangars stehen Angebote aus Gegenwart und Zukunft für einen nachhaltigen Mobilitäts- und Lebensstil, auf dem Flugfeld der Track für das Berliner Formel-E-Rennen. Der Kuchen – übrigens vegan – ist gegessen, die Uhr tickt. In mehrfacher Hinsicht.

Herr Rosberg, Motorsport-Ikone und Mitgründer eines Nachhaltigkeitsfestivals: Wie passt das zusammen? Finden Sie, das passt nicht?
Wenn man sich mit den letzten drei Jahren Ihres Lebens nicht beschäftigt hat, könnte man die Frage zumindest im Kopf haben. Was mich schon lange umtreibt, ist die Faszination für innovative Technologien. Das rührt nicht zuletzt aus meiner Zeit in der Formel 1, wo man nicht nur am Puls der Zeit sein musste, sondern ihr am besten schon ein Stück voraus war. Jetzt will ich dem Ganzen einen nachhaltigen Ansatz hinzuaddieren.
In der Formel 1 hatte es zum Ende hin gut geklappt, 2016 wurden Sie Weltmeister. Dann haben Sie recht abrupt den Helm an den Nagel gehängt: Warum? Das war damals eine spannende Zeit. Hinter den Kulissen habe ich so intensive Einblicke in das bekommen, was unsere Mobilität und Gesellschaft fast schon disruptiv verändern wird und bereits verändert: Konnektivität, Digitalisierung, Sharing-Community, alternative Antriebe bis hin zum autonomen Fahren. Das war für mich ein Augenöffner.
In nur drei Jahren haben Sie sich selbst zum Business-Angel und Festival- Gründer transformiert: Geschwindigkeit scheinen Sie weiterhin zu brauchen? Ich sehe eine große Chance, Dinge nachhaltig zu verändern. Die müssen wir jetzt wahrnehmen. Ich will etwas bewegen, meinen Beitrag leisten. Deswegen auch das Greentech-Festival im Rahmen der Formel E.
An der Sie auch beteiligt sind. Ja, weil sie innovative Technologie erlebbar macht und somit den idealen Rahmen bietet. Die Menschen müssen damit in Kontakt kommen und erleben, dass Veränderung nicht zwingend Verzicht bedeutet. Jedenfalls nicht ohne gleichwertigen Ersatz. Das betrifft im Übrigen nicht nur Mobilität, sondern alle Bereiche unseres Alltags, von Ernährung bis Mode. Nicht umsonst hatten wir zum Beispiel mit Johan Rockström einen der anerkanntesten Klimaforscher unserer Zeit hier zu Gast und haben unter anderem ein autonom fahrendes Containerschiff sowie essbare Verpackungen für Flüssigkeiten ausgezeichnet.

„Mich macht es verrückt, wenn ich sehe, wie kompliziert wir manches denken und debattieren“

Haben wir nicht sogar die Pflicht, die Chance wahrzunehmen, von der Sie sprechen? Das ist auch immer eine Frage der Formulierung. Pflicht stößt schnell auf Ablehnung – wir müssen die Menschen mitnehmen, überzeugen, sie müssen es wollen. Aber ja, wir sind uns alle einig, dass es fünf vor zwölf ist, und die Uhr tickt, während wir hier sprechen.
Womit wir wieder bei der Geschwindigkeit wären. Abgesehen davon, haben Sie sich verändert? Das vorweg, und ich wiederhole es oft: Ich bin und werde kein Öko-Papst. Man muss authentisch bleiben. Aber zur Frage: Bei uns in der Familie verzichten wir zum Beispiel, wo es geht, auf Plastik, und wir nutzen, wenn möglich, Carsharing und Elektromobilität. Geschwindigkeit ist mir als Investor wichtig. Mich macht es verrückt, wenn ich sehe, wie kompliziert wir manches denken und debattieren. Auch da habe ich in der Formel 1 viel gelernt: kurze Analyse, schnelle Entscheidung. Fertig.
Dann muss Sie die Debatte um E-Tretroller hier völlig fertiggemacht haben, immerhin wollten Sie und sind Sie nun beim Sharing-Anbieter Tier Mobility investiert? Geduld ist nicht unbedingt meine Stärke. Aber das heißt nicht, dass mir Debatten um Sicherheit und Regeln für E-Tretroller unwichtig sind. Und natürlich haben Städte Sorge darum, dass ein neuer Service und eine neue Technologie sie verändern werden. Genau das, davon bin überzeugt, werden die E-Tretroller. Aber in Asien, China beispielsweise, geht vieles viel schneller.
Aber wir müssen uns nicht zwingend China zum Vorbild nehmen. Nein, schon gar nicht pauschal und unreflektiert. Aber wir müssen erkennen, unabhängig von den Rollern, dass wir Gefahr laufen, links und rechts überholt zu werden.
Tretroller, Flugtaxis, Formel E – probieren Sie eigentlich alles aus, worin Ihr Geld und Know-how stecken? Sofern es schon möglich ist, ja. Zu Hause in Monaco nutze ich seit längerer Zeit einen E-Tretroller. Meine Frau bringt damit zum Beispiel oft unsere Tochter in die Schule. Zu sehen, wie einfach, schnell und praktisch das funktioniert, hat mich überhaupt erst davon überzeugt, in dem Bereich einzusteigen. Wie gesagt, man muss den Dingen eine Chance geben. Dazu will ich die Menschen ermutigen und begeistern. Wir erleben aus meiner Sicht eine der größten industriellen und gleichzeitig gesellschaftlichen Transformationen aller Zeiten. Und stehen da, gerade, was die Mobilität angeht, erst am Anfang.
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Interview: Patrick Morda

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