Form & Funktion

17.10.2018

Räder für den urbanen Alltag müssen vor allem praktisch sein. Doch E-Bikes geben den Designern neue Gestaltungsmöglichkeiten. Denn das Auge fährt mit. Zeit, das Thema etwas genauer zu beleuchten

Beim Fahrrad wurde lange vieles, wenn nicht alles der Funktion untergeordnet – in den frühen Tagen sogar die Sicherheit. Wer vor 1900 radeln wollte, tat dies auf dem Hochrad; um die zukunftsweisende Fortbewegungsart zu genießen, nahm man damals auch das hohe Verletzungsrisiko in Kauf.
Heute sind Fahrräder ungleich sicherer, praktischer und komfortabler – aber immer noch prägt ihre Funktionalität den Auftritt. Am Fahrrad lässt sich nun mal nichts verstecken. Ob Schaltung, Bremsen, Beleuchtung oder Federung: Was sich bei Motorfahrzeugen geschickt kaschieren oder elegant integrieren lässt, trägt der Drahtesel mehr oder weniger stolz zur Schau. „Das Fahrrad wird letztendlich von vielen Herstellern ,gebaut‘. Daher sprechen wir hier von einem Makroprodukt“, erklärt Diplom-Designer Tomas Fiegl, Geschäftsführer der Darmstädter Agentur Artefakt. „Diese Universalität ermöglicht dem Radhersteller eine enorme Auswahl an Komponenten, um sein Fahrrad zu konfigurieren. Das führt dann aber auch zu einer unüberschaubaren Vielfalt an Modellen.“ So bleibe oft nur Kosmetik durch Farbe und Grafik – „und das muss sich ändern“, ist Fiegls Fazit.

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Muss ein Fahrrad, zumal eines für die Alltagsnutzung in der Stadt, überhaupt „gefallen“? Ja, sagt Michèle Kottelat vom französischen Lastenrad-Spezialisten Douze Cycles und beschreibt den Entwicklungsprozess in ihrem Unternehmen wie folgt: „Wir gehen immer von der Optik aus und suchen dann nach der passenden Funktionalität. Unser Ziel ist es immer gewesen, ein Lastenrad mit Stil zu entwickeln.“ Denn Stil und Design stünden bei der Kundschaft durchaus hoch im Kurs, sagt Kottelat, und ihre Erklärung dafür ist naheliegend: „Wer auf sein Auto verzichtet und auf das Lastenrad umsattelt, um die Kinder in die Kita zu fahren, der will nicht gleichzeitig auf Ausdruck von Persönlichkeit verzichten.“ Durchaus verständlich – wer mehrere Tausend Euro für ein Fahrrad ausgibt, darf erwarten, dass dieses auch ästhetischen Anforderungen genügt beziehungsweise einfach „gefällt“. Freilich ohne die praktischen Aspekte zu vernachlässigen.

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Bei Douze Cycles stecken zahlreiche Besonderheiten unter der schönen Oberfläche, sagt Michèle Kottelat: „Unsere Seilzuglenkung erlaubt Wendemanöver auch auf sehr engem Raum. Ein Douze ,V2‘ kann in zwei Einzelteilen zum Beispiel in den Keller getragen werden.“ Im Unterschied zum Standardrad hat sich das E-Bike als durchaus dankbares Gestaltungsobjekt erwiesen, führt Fiegl weiter aus – zumal man hier nicht mehr auf jedes Gramm achten muss. „Der Gestaltungsspielraum beim Design von E-Bikes ist größer. Antrieb und Akku führen zu mehr Fläche und Volumen am Fahrrad und beeinflussen damit entscheidend das Gesamtbild“, so der Designer, der jüngst das Aussehen der Kettler-Modellreihe „Quadriga“ verantwortet hat. „Wir verfolgen einen neuen ganzheitlichen Einsatz, welcher nicht nur mehr das Einzelprodukt E-Bike im Fokus hat“, erklärt Fiegl die Baureihe. „Neuartige Schnittstellen ermöglichen eine integrative Kopplung von Kindersitz und Kinder- oder Transportanhänger. Zu diesem Zweck wurden neben einer umfangreichen E-Bike-Familie auch ein eigener Anhänger und Kindersitz entwickelt.“

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Das Thema Komponenten-Integration treibt auch den dänischen Designer Brian Hoehl um. Seine Firma Protanium stellte vor ein paar Jahren das erste Serien-E-Bike mit im Unterrohr verborgenem Akku vor; mit dem „Pininfarina E-Voluzione“ geht er einen Schritt weiter. „In der Fahrradindustrie ist die Antwort auf die Frage nach gestalterischer Freiheit normalerweise Nein. Zu stark ist der Einfluss von zugelieferten Komponenten“, erklärt der Designer. Seine Räder folgen daher einer integrativen Philosophie. Beispielsweise wurde das Cockpit gleich mitgestaltet, kein externes Display eingekauft.
Geht es auch ohne bewusste Gestaltung? Am ehesten vielleicht bei einem Nischenprodukt, bei dem maximale Funktionalität im Vordergrund steht: dem Faltrad. In erster Linie auf Berufspendler ausgerichtet, die ihr Fahrrad einen Teil der Wegstrecke in den öffentlichen Verkehrsmitteln befördern, gehen bei dieser Gattung Packmaß und Gewicht vor Komfort und Fahrverhalten.

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Beim „Brompton“, Mitte der 1970er- Jahre von Andrew Ritchie entwickelt, begann 1988 die Serienproduktion – seitdem wird das Faltrad mit den kleinen 16-Zoll-Laufrädern quasi unverändert gebaut. Dabei werden nicht nur die Rahmen im Londoner Werk geschweißt und gelötet – auch zahlreiche Spezialteile stellt man selbst her.
Angesichts der großen Fertigungstiefe ist es kein Wunder, dass Neuerungen ohne Zusatznutzen keinen Platz haben – und so sieht ein 2018er-Brompton- Faltrad kaum anders aus als ein 20 Jahre altes Modell. „Das Faltprinzip ist praktisch das gleiche wie in den frühen 1980er-Jahren“, erklärt Will Carleysmith, Design- und Entwicklungschef bei Brompton. „Das Rad ähnelt ganz bewusst dem Ur-,Brompton‘, wobei die Komponenten mit den Jahren natürlich nach den immer höheren Standards und Ansprüchen weiterentwickelt wurden.“ Heute, so sagt er, stehen Kunden rund 17 Millionen verschiedene Konfigurationsmöglichkeiten zur Wahl.

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Und der Innovationsschub der Elektrifizierung ging auch am Brompton- Faltrad nicht vorbei. Dabei hat sich an der funktionellen Ausrichtung des neuen „Brompton Electric“ nichts geändert. Statt den üblichen Weg zu gehen, hat man lange getüftelt, wie das „Brompton“ in seinen typischen Fahreigenschaften trotz Akku unangetastet bleiben kann, und hat den Akku in einer Tasche am Steuerrohr positioniert. Diese in ihre Halterung einzuklicken bedeutet gleichzeitig, Batterie und Motor zu koppeln.
Nötig dafür waren mehrere Jahre in der Entwicklung und ein Partner wie Williams Advanced Engineering, eine Hightech-Schmiede, die auch Formel-1- Technik liefert. Das Ergebnis ist auch deswegen so interessant, weil das Faltrad ohne die Tasche nur rund zwei Kilo mehr wiegt als ein Modell ohne Motor, dabei aber genauso klein gefaltet werden kann. Die Optik des britischen Raumwunders hat sich auch durch den Motor nicht geändert, und so wird es auch weiterhin gegenläufige Optik-Trends und Ideen am Fahrradmarkt geben: ein bewusster oder unbewusster Retro-Look mit Ecken und Kanten sowie die glattflächigen, mehr oder weniger integrativen Konzepte.
Tomas Fiegl jedenfalls hat viele Ideen. „Es geht zukünftig mehr um sichtbare Integration statt um Verstecken. Im nächsten Schritt werden Antrieb und Akku als wichtiges Design-Thema wieder mehr in den Fokus rücken.“ Wozu sei – gerade bei Stadträdern – dieses Loch im Rahmendreieck von Nutzen, fragt er sich. Dem enormen Aufwand unterschiedlicher Rahmenhöhen könnte man mit einer Forcierung kompakter „One size fits all“-Modelle begegnen – und das heißt auch: In ein paar Jahren dürften E-Bikes ganz anders aussehen.
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Caspar Gebel

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