Hebt sich von der Masse ab. Der BMW „X2City“ ist mit E-Tretrollern, wie man sie im Sharing findet, nicht zu vergleichen | Foto: Marcus Witte

Hebt sich von der Masse ab. Der BMW „X2City“ ist mit E-Tretrollern, wie man sie im Sharing findet, nicht zu vergleichen | Foto: Marcus Witte

Fast so wie damals. Nur elektrisch

04.09.2020

Es war um die Jahrtausendwende herum, da wurden Tretroller für Erwachsene cool. Bis heute sind Junggebliebene, oft in Kleid oder Anzug, zu sehen, die ihre Wege mit beherztem Tritt gut doppelt so schnell zurücklegen wie zu Fuß. Jetzt gibt es Tretroller mit Elektroantrieb. Wobei, „jetzt“ ist nicht ganz korrekt. Jetzt gibt es endlich offizielle Regeln für E-Tretroller. Die können, so zumindest der Plan, in Innenstädten kurze Autofahrten ersetzen. Das Potenzial ist groß, immerhin ist ein nicht unwesentlicher Teil aller Autofahrten kürzer als fünf Kilometer. Und doch war der Weg hin zur offiziellen Regelung lang und viel diskutiert. Denn der Elektroroller fährt automatisch, ist anders als das elektrisch unterstützte Fahrrad, das Pedelec, ein Fahrzeug. Und muss, damit er auf unseren Straßen fahren darf, eine Reihe von Sicherheitsanforderungen erfüllen und, so die neue Verordnung für Elektrokleinstfahrzeuge, über ein Versicherungskennzeichen verfügen. So hat es das Bundesverkehrsministerium ausgearbeitet und mit Bund und Ländern im Mai beschlossen.

Eines dieser neuen Gefährte, den BMW „X2City“, wollte ich auf meinem Arbeitsweg testen. Die Münchner waren, zusammen mit ihrem Kooperationspartner Kettler Alu-Rad, der rechtlichen Entwicklung voraus, hatten bereits Monate zuvor eine Sondergenehmigung für den „X2City“ beantragt und erhalten. Der erste Eindruck ist überwältigend. In zweifacher Hinsicht. Erstens: Der Elektroroller ist groß, viel größer als sein ursprünglicher Alu-Ahn. Er hat 16 Zoll große luftbefüllte Reifen, zwei solide Scheibenbremsen, ein bequem breites Trittbrett und einen höhenverstellbaren Lenker. Vorn leuchtet ein LED-Scheinwerfer, das Rücklicht hat eine zusätzliche Bremslichtfunktion. Zweitens: Er ist absolut sauber verarbeitet, edel schwarz lackiert. „Ein echter BMW“, sagt mein Kollege anerkennend, ignoriert aber die Tatsache, dass streng genommen BMW Motorrad hier verantwortlich ist – so prangt es auch groß auf dem Rahmen.

Schnell runter auf die Straße. Das Display zeigt eine Reichweite von 27 Kilometern an, fünf Balken symbolisieren die voreinstellbaren Geschwindigkeitsstufen. Einen Gashebel sucht man vergeblich. Schub bekommt der Roller über ein Pedal im hinteren Bereich des Trittbretts. Das ist zunächst gewöhnungsbedürftig, aber nach ein paar Metern erlernt: Mit dem ersten Tritt beschleunigt der Roller auf 8 km/h. Nach Heben und Senken der Ferse beschleunigt er weiter auf 12, 16, 18 und 20 km/h in den am Display einprogrammierten Tempostufen. Ich finde das sehr angenehm, denn im Vergleich zum Dreh an einem Gashebel besteht keine Gefahr, dass das Gefährt ausbüxt oder ruckartig losfährt. Unebenheiten schluckt der BMW-Roller souverän, die 16-Zoll-Bereifung ist weise gewählt, keine Situation auf meinem fast zehn Kilometer langen Arbeitsweg durch Berlin, in der ich mich unsicher gefühlt hätte. Abgesehen vielleicht von Abbiegevorgängen. Da die Lenkung recht direkt ist, habe ich mich nicht getraut, einen Wechsel der Fahrtrichtung mit ausgestrecktem Arm anzuzeigen. Hier wäre ein Blinker wünschenswert, ein Bremslicht gibt es schließlich auch.

Es sind solche Überlegungen, die mir zeigen, warum es wohl so kompliziert war, eine allgemeingültige Regelung zu finden, und dass das letzte Wort in der Genese der E-Tretroller noch nicht gesprochen ist. Weder aufseiten der Hersteller noch des Gesetzgebers. Das größte Problem, das ich beim „X2City“ feststelle, ist die Höchstgeschwindigkeit. 20 km/h sind einfach zu wenig. Und deutlich schneller lässt sich das Gefährt – per pedes sozusagen – nicht bewegen. Immer wieder überholen mich Radfahrer auf den schmalen Radwegen in Berlin. Auf der Busspur des Kurfürstendamms schütteln die Taxifahrer die Köpfe, als ich kerzengerade mit Strich 20 vor einem Bus herfahre. Ein Kick-down wäre in manchen Situationen wünschenswert, eine kleine Reserve. Das lässt der Gesetzgeber aber nicht zu.

„Ein Kick-down wäre in manchen Situationen wünschenswert, eine kleine Reserve“

Alles in allem ist der „X2City“ ein feines Stück Technik, cool gestaltet und solide verarbeitet. Er ist aber zu groß für Bus und Bahn, auch in unseren Fahrstuhl passte er nicht. Über Nacht musste ich ihn zwei Stockwerke hochtragen, bei rund 20 Kilo Gewicht ein kleines Work-out. Anders als bei Konkurrenzmodellen lässt sich allerdings der Akku aus einem Fach im Trittbrett entnehmen und separat laden, sodass das Gefährt durchaus auch an der Laterne parken kann. Dafür war mir allerdings in Berlin das Risiko zu hoch, der BMW-Roller kostet beim Kooperationspartner Kettler schließlich rund 2400 Euro. Und so stand der E-Roller bei uns im Flur, bewundert von meinen Kindern, die noch nicht im E-Roller-Alter sind. Die Frage meines Sohnes: „Wofür braucht man den?“, ging mir noch lange durch den Kopf. Wenn die Rede von einer Mobilitätslücke ist, die es zu schließen gilt, dann scheidet der „X2City“ eigentlich aus: Er ist einfach zu groß und zu schwer, um seine Nutzung mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu kombinieren.

Andererseits nehme ich bei dem Gedanken, auf den schmalen, winzigen Rädern eines „konventionellen“ E-Rollers über Berliner Wege zu hoppeln, das Mehrgewicht gern in Kauf. Der „X2City“ kann bei seiner Reichweite durchaus ein Fahrrad ersetzen. Dann allerdings müssen sich die Hersteller noch Gedanken über einen Gepäckträger oder Ähnliches machen. Momentan muss man sich einen Rucksack auf den Rücken schnallen, wenn man etwas mitnehmen möchte. Aber wie gesagt, das letzte Wort scheint mir ohnehin noch nicht gesprochen zu sein.

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Text: Markus Hurek
Fotos: Marcus Witte