Auf gut ausgebauten Wegen ist man mit dem Pedelec wirklich flott unterwegs | Fotos: Andre Kirsch für FOCUS Magazin

Auf gut ausgebauten Wegen ist man mit dem Pedelec wirklich flott unterwegs | Fotos: Andre Kirsch für FOCUS Magazin

Die Zukunft geht mit der Zeit

14.08.2020

Mit dem Fahrrad durch München zu fahren ist immer noch kein Genuss. Rollt man aber in einer Art Zukunftsversprechen daher, fühlt sich das alles schon besser an. Nicht weniger soll der neuartige Bio-Hybrid sein.

Bevor es losgeht, fragt mich Patrick Seidel noch, ob ich einen Herzschrittmacher in mir hätte. Das hätte mit den Vorserienbauteilen zu tun, die in dem Prototyp noch verbaut wären. Eine reine Formalität. Ich verneine und steige in das Fahrrad. Doch, so muss man es sagen, ich steige in das Fahrrad, den Bio-Hybrid-Prototyp. Etwas gebückt, etwas wackelig und zugegeben, nicht komplett ohne Zweifel. Das Gefährt hat ein Dach, vier Räder, zwei E-Motoren sowie zwei Pedale, einen Sozius-Sitz, einen kleinen 18-Liter-Stauraum und einiges mehr zu bieten. Sogar Türen sollen später zu haben sein. Überhaupt erinnert der Bio-Hybrid an einen Renault Twizy. Und doch, so versichern Patrick Seidel und sein Kollege Jakub Fukacz von der Bio-Hybrid GmbH, sei es ein Pedelec – der besonderen Art, ja, aber rechtlich gesehen ein waschechtes Fahrrad. Vor rund fünf Jahren hat man zunächst bei Schaeffler begonnen, über den BioHybrid nachzudenken, vor vier Jahren den ersten Demonstrator gebaut. Mittler­weile ist eine GmbH ausgegründet und das Start-up eigenständig unterwegs. Die Vision: Mobilität neu zu gestalten. Nachdem ich das Mobil sachte und mit etwas Aufwand um 180 Grad gewendet habe, verlasse ich die Sicherheit eines Hinterhofs, rolle durch den Torbogen und begebe mich in das Verkehrsgewusel eines ganz normalen Großstadt-Nachmittages. München, kannst du Zukunft? ...

Die Innenstadt ist eine einzige Baustelle. So auch rund um die Elisenstraße, die in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof verläuft. Das wäre also weiter nicht erwähnenswert, wären nicht im Juni auf ebendieser Elisenstraße Autospuren verknappt und der erste von fünf Pop-up-Radwegen Münchens freigegeben worden. Als Antwort auf die Corona-bedingte Zunahme des Radverkehrs, so die offizielle Begründung. Und weiter: befristet zunächst bis Ende Oktober. Das mag sinnvoll sein, kann man doch davon ausgehen, dass spätestens im November der Radverkehr wieder deutlich zurückgehen wird. Wobei man sich aber wünschen würde, dass, Corona hin oder her, mit Einsetzen des Frühjahrs das Ganze wiederbelebt werden würde. Dass man nun als Radfahrer zwischen dem fließenden und dem parkenden Autoverkehr eingepfercht ist – das ist tatsächlich eine Schwäche im System des Spontanen. Pop-up-Radwege sind logischerweise nicht von langer Hand geplant, es bedarf der zunehmenden gegenseitigen Rücksicht. Ein Konzept, das ohnehin gerade im Straßenverkehr mehr Anwendung finden sollte.

Seit der Öffnung entwickeln sich die Pop-up-Lanes zu einer Art Feldstudie für Verkehrs- und Verhaltensforscher – schaut man aktuell in die Münchner Tageszeitung, eine mit ungewissem Ausgang. Mehr Stau, mehr Abgase, mehr Unfälle werden da gemeldet. Der Unmut ist groß. Und das, obwohl, so sagte es mir Albert Herresthal, Geschäftsführer beim Verbund Service und Fahrrad (VSF), die Chancen für eine neue Verkehrspolitik in Deutschland gerade relativ gut stünden. Überhaupt wehte im April und Mai ein Wind der Veränderung über unsere Straßen. Das Fahrrad wurde zum Sinnbild für individuelle Freiheit, während den ÖPNV ein massives Imageproblem ereilt hat. Jetzt aber ist August, und die Hoffnung hat sich zumindest abgekühlt. In Frankreich wurde derweil die TV-Werbung des Fahrradherstellers VanMoof verboten – wegen der Angst schürenden Verbildlichung des Klimawandels, heißt es. Im Netz kursiert die Vermutung, die Autolobby hätte ihre Finger im Spiel. Wie gesagt, der Unmut ist groß.

Vielleicht aber können Ideen wie der Bio-Hybrid versöhnlich wirken, bringt er doch rein optisch Fahrrad und Auto zusammen. Zumindest entfällt schon mal das Argument, im Herbst, vielleicht sogar im milden Winter nicht mehr mit dem Fahrrad unterwegs sein zu können. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Kollegen über den Sinn und Unsinn der E-Tretroller. „Es braucht keine Roller“, sagte der. „Es braucht ein Fahrrad mit Dach!“ Hier, rufe ich ihm im Geiste zu, hier ist das Ding. Warm wird einem, das gehört zur Wahrheit, sicher nicht. Eine Heizung ist nämlich nicht vorgesehen, auf die Frage nach beheizten Griffen und Sitzen hingegen weichen die Macher vielsagend aus.

Zahlen & Fakten

Noch ist der Bio-Hybrid eben nicht fertig. Die meisten Ansichten im Display sind noch im Dummy-Stadium. Zum Marktstart Anfang 2021 sollen allerlei Informationen von Gesundheitsdaten bis Navigation in den vollvernetzten Bio-Hybrid und wieder hinausfließen. Blinker und Rückwärtsgang sind dagegen schon fertig: Den Schalter für Erstere muss man aber erst finden, Letzteren zu nutzen muss man lernen. Bleiben soll die Anmutung von Tretlager und Kurbel, weil man „schon erkennen soll“, sagt Jakub Fukacz, „dass es sich um ein Fahrrad handelt“. Und mit diesem zu fahren macht richtig Spaß. Die Rundumsicht im Bio-Hybrid-Kokon gibt einem ein gutes, das Dach ein gar sicheres Gefühl. Auch ohne Helm.

Die Sitzposition ist ein Kapitel für sich: „Wir haben zu Beginn der Entwicklung eine eigene Studie anfertigen lassen, um herauszufinden, wie man am besten in unser Fahrzeug einsteigen und da rin sitzen kann“, erklärt Patrick Seidel. Man habe zwar sehr viel Literatur zum Auto und auch zum klassischen Fahrrad gefunden, „aber eben nichts zu dem Zwischenschritt, den wir mit dem Bio- Hybrid gehen wollen“. Das Knifflige: Man sitzt wie in einem Auto, muss aber treten wie bei einem Fahrrad. Wie Kräfte dann walten und Stöße abgefedert werden, hat man gemeinsam mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) erarbeitet und in Architektur und Ausstattung des Bio-Hybrid übernommen. Heraus kam eine knapp 85 Zentimeter breite, 150 Zentimeter hohe und etwas über zwei Metern lange Karosse. Kaum größer und nicht breiter als so manches Fahrrad. Denn der Bio-Hybrid soll nicht nur in Zukunft, sondern auch auf heutigen Fahrradwegen und zwischen Pollern hindurchbewegt werden können.

Zukunft und Verkehr, das ist ohnehin so ein Thema. Um die vorletzte Jahrhundertwende ließ ein deutscher Schokoladenhersteller die Vorstellung von der Welt im Jahr 2000 auf Postkarten malen. Das Ergebnis: unter anderem bewegliche Bürgersteige, Züge, die durch Meere pflügen, und wandernde Häuser. Wissenschaftler, die die Geschichte der Zukunft, also das Begriffsverständnis und dessen Manifestation im Laufe der Menschheitsgeschichte, erforschen, machen sich wandelnde Zukunftsentwürfe an technologischen wie gesellschaftlichen Innovationssprüngen fest. In den 1960er-Jahren sah man sich zum Beispiel endgültig den Weltraum erobern, gar den Mars besiedeln. Aus den meisten Sachen, sowohl beim Schokoladenhersteller wie auch bei der Raumfahrt, wurde nichts. Solch euphorische Zukunftsvisionen fallen immer dann auf, wenn sie nicht eintreten, sagen (Zukunfts-)Historiker wie Lucian Hölscher. Und in „Die Entdeckung der Zukunft“ hielt er fest, dass sie in regelmäßigen Abständen von 60 bis 70 Jahren eine Konjunktur erleben würden. In den 2020er-Jahren könnte es also wieder so weit sein. Vielleicht sitze ich ja in einer solchen euphorischen Vision?

Noch ist der Bio-Hybrid ein rarer Hingucker. Ende dieses Jahres soll die Produktion starten, Anfang des nächsten soll er dann häufiger zu sehen sein | Foto: Andre Kirsch für FOCUS-Magazin

Für die Straßen Münchens allerdings ist der Bio-Hybrid nicht gemacht. Nein, man muss das umdrehen: Die Straßen Münchens sind nicht für eine solche Idee gemacht. Das merkt man an den Reaktionen anderer Verkehrsteilnehmer. Die einen denken, man sei ein viel zu langsames Auto, die anderen fühlen sich auf ihren Fahrrädern von einer Art Ufo bedrängt. Man merkt es aber auch dann, wenn man das knapp 100 Kilo schwere Gefährt über einen Bordstein heben oder schieben muss, weil Wege umständlich geführt werden. Dann stört das Dach, rollt man ein ums andere Mal über den eigenen Fuß.

Aber morgen kann die Sache ja schon ganz anders aussehen. Denn, und davon gehen auch Seidel und Fukacz aus, neue Mobilitätsangebote werden auch die Infrastruktur verändern, tun es ja schon. Fest steht: Die Zukunft, auch die der Mobilität, geht mit der Zeit. Und das ist auch gut so.
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Text: Patrick Morda
Fotos: Andre Kirsch für FOCUS Magazin