Mountainbiker finden in Baiersbronn alles, von der gemütlichen Tour bis zum anspruchsvollen Trail | Foto: Michael Faiß

Mountainbiker finden in Baiersbronn alles, von der gemütlichen Tour bis zum anspruchsvollen Trail | Foto: Michael Faiß

Die Schwarzwald-Oase

14.11.2018

Sie klingt ein wenig wie die Geschichte vom kleinen gallischen Dorf: Im schwäbischen Baiersbronn hat sich gegen einige Widerstände ein echtes Mountainbike-Paradies etabliert

Am Anfang eines solchen und eigentlich eines jeden Projekts steht die Idee, dahinter der Wille zur Umsetzung und ganz wichtig: Menschen, die dafür einstehen. Vor nicht ganz zehn Jahren fand sich eine Handvoll leidenschaftlicher Radfahrer in der vor allem für ihre kulinarischen Highlights bekannten Schwarzwald- Gemeinde Baiersbronn zusammen. Der Wunsch: Fahrrad-Mekka, genauer, Mountainbike-Mekka zu werden. Das Problem: die „2-Meter-Regel“ des Landeswaldgesetzes von Baden-Württemberg. Die besagt, dass Waldwege, die schmaler als zwei Meter sind, von Fahrrädern nicht befahren werden dürfen. Hintergrund des Verbots ist, dass sich auf derart schmalen Forstwegen Radfahrer und Wanderer sehr schnell ins Gehege kommen könnten. Und speziell die Umgebung rund um Baiersbronn gilt als beliebtes Wandergebiet. Was also tun?

„Wir haben hier genügend Platz für alle – für Wanderer und Mountainbiker gleichermaßen“, sagt Patrick Schreib, Tourismusdirektor der Gemeinde. Mit knapp 190 Quadratkilometern ist deren Fläche nur wenig kleiner als Stuttgart – 80 Prozent davon sind bewaldet und sehr gut erschlossen. Der sogenannte Wanderhimmel Baiersbronn ist seit vielen Jahren ein weit über die Grenzen des Schwarzwalds hinaus bekanntes Wander- Eldorado. „Natürlich herrschten anfangs Vorbehalte gegenüber der Idee, hier auch Trails für Mountainbikes zu etablieren“, erinnert sich Schreib, der selbst passionierter Biker ist. Dass man überhaupt darüber nachdenken konnte, ermöglichte sozusagen das Kleingedruckte der Verordnung. „Um eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen, müssen alle Interessengruppen ihr Einverständnis geben“, erklärt Schreib das im Gesetz verankerte Hintertürchen. Dazu gehören neben der Forstbehörde auch Jäger, Naturschutzverbände und natürlich die Waldbesitzer. Eine hohe Dialogbereitschaft und offene Ohren für kritische Stimmen waren auf beiden Seiten notwendig.

„Wir wollten es von Anfang an richtig machen – keine halben Sachen“, sagt Jörg Möhrle. Der gelernte Koch führt am Ort gemeinsam mit seiner Frau Jutta das Hotel „Tanne“, und beide gehören wie Schreib zu den Initiatoren des Mountainbike Wanderhimmels. Es brauchte Jahre, Gemeinderatssitzungen, unzählige Telefonate und Diskussionsrunden, um das Wegenetzwerk, wie man es heute im „Mountainbike-Guide“ oder in der eigens entwickelten App findet, an den Start zu bringen. Die Akribie in der Planung hat sich aber ausgezahlt: „Als wir unseren finalen Vorschlag letztendlich eingereicht hatten, wurde dieser ohne Beanstandung genehmigt“, erinnert sich Jörg Möhrle nicht ohne Stolz in seiner Stimme.

Das war vor nunmehr knapp zwei Jahren. Seitdem werden immer mehr Fahrradfreunde auf das Angebot der Region aufmerksam. Ebenso trägt die Entwicklung der Branche selbst ihren Teil dazu bei: „Wir hätten heute Vormittag 20 E-Bikes oder mehr verleihen können“, sagt Möhrle. „Seit E-MTBs so populär geworden sind, sinken bei den Leuten auch die Berührungsängste“, führt der Wirt der „Tanne“ weiter aus. In seinem Hotel setzt er heute voll auf das Pedelec. Mittlerweile gehört eine Bike- Station mit eigener Verleihflotte, liebevoll eingerichteter Werkstatt und alarmgesichertem Abstellraum zum Angebot. Für die nächste Saison sind bereits vier neue E-MTBs bestellt.

Auch unter den Bewohnern der Gemeinde ist mittlerweile nichts mehr von der anfänglichen Skepsis zu spüren. Daran hat auch Andreas Reichel, Mitte 50, Optiker und ausgebildeter Mountainbike- Trainer des Deutschen Alpenvereins, seinen Anteil. Steht er nicht hinter dem Tresen seines Geschäfts oder in der Brillenwerkstatt, sitzt er – wie jetzt –, sooft es geht, auf dem Sattel seines Mountainbikes. Er war auch maßgeblich an der Ausbildung der lokalen Guides beteiligt: zwei Dutzend Freiwillige, die in ihrer Freizeit die Übernachtungsgäste per Rad über die Wege und Trails führen. Geschichte, Kultur und Fahrtechnik standen unter anderem auf dem Stundenplan. Während einer kurzen Ausfahrt erklärt Optiker Reichel das System: „Ohne unsere ehrenamtlichen Helfer ginge praktisch nichts.“ Das schließt auch die Wegepaten mit ein, die sich in ihrer Freizeit um die Pflege der insgesamt 400 Kilometer Wege und Trails kümmern. „Es gibt keinen Meter ohne zuständigen Paten“, sagt Schreib stolz, deutet auf Treppen, Wurzeln und Böschungen. Viele von ihnen sorgen in ihrer Freizeit mit viel Hingabe dafür, dass auf den Trails jederzeit freie Fahrt herrscht. Dafür wurde sogar ein kleiner Traktor angeschafft und zum „Reinigungsmobil“ umfunktioniert.

Inzwischen ist der einstige Traum eine echte Erfolgsgeschichte, gilt als Vorbild für viele andere Gemeinden im Ländle. Genuss und Vielfalt standen bei der Auswahl der Wege an oberster Stelle. Technisch versierte Vielfahrer sollen ebenso auf ihre Kosten kommen wie weniger erfahrene Freizeitradler, die schlicht die Aussicht im Schwarzwald genießen möchten. Nach diesem Prinzip arbeitete man insgesamt elf Touren mit unterschiedlichsten Ansprüchen aus, die sich beliebig abkürzen oder kombinieren lassen. „Es war ein langer Weg, aber wir haben es geschafft“, ruft Reichel. Rückt die Brille zurecht, zurrt den Helm fest und macht sich an die Abfahrt.

Code of conduct
In Baiersbronn regelt ein eigens verfasster „Verhaltenskodex“ das Miteinander von Mountainbikern, Wanderern und Natur. Der besagt unter anderem, dass Biker den Wald rechtzeitig vor Einbruch der Dämmerung verlassen sollen, um Waldtiere nicht unnötig zu stören, und dass Schäden an Wegen und Beschilderung gemeldet werden sollen. Alles zum Code of Conduct und dem 400 Kilometer umfassenden Streckennetz finden Sie unter: www.baiersbronn.de/mountainbike
________________________
Michael Faiss

© 2019 FOCUS Magazin GmbH