„Auf dem Pedelec muss man seine Aufmerksamkeit anders fokussieren und anders bremsen“ | Foto: Michael Nehrmann

„Auf dem Pedelec muss man seine Aufmerksamkeit anders fokussieren und anders bremsen“ | Foto: Michael Nehrmann

Die Fahrstunde

05.06.2020

Matthias Faber gibt Sicherheitstrainings für E-Bike-Fahrer. Eine Fahrradtour durch Hamburg – und die Erkenntnis, dass man nie auslernt

Auf der Kaiser-Wilhelm-Straße herrscht die übliche Geschäftigkeit: Fußgänger queren, mit Einkaufstaschen beladen, die Spuren, Lieferwagen in zweiter, teils dritter Reihe parkend, werden von Autos umkurvt. Der ganz normale Wahnsinn in der Hamburger Neustadt. Mittendrin die Fahrradfahrer – inklusive mir.

Und eigentlich ist das kein Problem. Denn Rad fahren kann man doch. Mit dieser Grundüberzeugung sause ich seit Jahren durch Hamburg. Die Stadt, in der die Anzahl der Radfahrer massiv steigt, die zunehmend auch durch E-Bikes und E-Roller bevölkert wird und in der erbittert um Recht und Raum gestritten wird. Dass ich in Sachen Zweiradfahren noch etwas lernen kann, daran glaube ich nicht. Bis ich Matthias Faber treffe.

„Ich schule die Grundfertigkeiten und das Erkennen von Gefahrensituationen“, sagt der Sportwissenschaftler. In vierstündigen Kursen lehrt er das individuelle Einstellen, die Technik und das Manövrieren eines E-Bikes. Er sagt, seine Kunden sind bisher oft etwas älter, bekommen den Kurs von ihren Kindern geschenkt. „Die Tendenz geht allerdings mehr und mehr zu jüngeren Teilnehmern“, sagt Faber. Was fast allen, inklusive mir, gemein ist: Sie halten sich für großartige Radfahrer und unterschätzen die Herausforderung E-Bike.

„Das Pedelec ist schwerer und erreicht rascher und dauerhafter eine höhere Geschwindigkeit, sodass man seine Aufmerksamkeit anders fokussieren und stärker bremsen muss“, so Faber. Das vorausschauende Fahren würden wir normalerweise zuerst auf abgesperrtem Gelände mit Pylonen üben. Genau wie das Bremsen. Faber: „Richtig eingesetzt, kann die Vorderradbremse bis zu 70 Prozent der Geschwindigkeit reduzieren. Man kann sich aber auch überschlagen.“ Besonders groß ist die Gefahr, wenn man das erste Mal auf ein E-Bike steigt und überrascht wird davon, wie kompromisslos eine hydraulische Felgen- oder Scheibenbremse entschleunigt. „Den richtigen Bremsdruck“, sagt Faber, „kann man sich erarbeiten.“ Muss man sich erarbeiten, stelle ich in einer Seitenstraße fest, in der ich zunächst eine Weile hin- und herfahre.

„Auf dem Pedelec muss man seine Aufmerksamkeit anders fokussieren und anders bremsen“
Matthias Faber

Matthias Faber hat, wie er sagt, das weltweit erste Sicherheitstraining für E-Bikes entwickelt. Explizit für die Herausforderungen in der Stadt. Wenn man ihn nach dem Warum fragt, erzählt er von dem Moment, als vor ihm eine Radfahrerin auf einem Gullideckel bremste und stürzte. Und von seiner Idee, Fahrsicherheitstrainings für Autos und Motorräder auf E-Bikes zu übertragen. „Mein Ziel ist es, E-Biker für den Straßenverkehr zu sensibilisieren“, sagt der 49-Jährige. Wer an Fahrtrainings denkt, der sieht sich schnell am Berg mit einem Mountainbike. Dabei ist ja gerade in der Stadt die Komplexität viel größer. Hier muss man nicht nur sein technisch hochgerüstetes E-Bike kontrollieren, sondern immer mehr Verkehrsteilnehmer gleichzeitig berücksichtigen.

Zum Beispiel in zweiter Reihe parkende Fahrzeuge wie in der Kaiser-Wilhelm- Straße. Ein SUV steht halb auf dem Radweg, der von der Fahrbahn abgetrennt ist. Ein Klassiker. Faber erklärt das „Dooring“, was bedeutet, dass die Autotür vor der Nase des Radfahrers geöffnet wird. Viele Autofahrer unterschätzen die Geschwindigkeit, mit der sich ein E-Bike nähern kann. Der Sicherheitstrainer hält nichts davon, sich rechts zwischen Auto und Fahrbahnrand durchzuquetschen. Im schlimmsten Fall, so seine Argumentation, würden sich die Türen an beiden Seiten öffnen, und der Radfahrer hat keine Chance mehr auszuweichen. Besser sei es, deutliche Handzeichen zu geben und links zu überholen. Ein Gros der Radfahrer, so Faber, verhält sich aber automatisch defensiv. Das führe dazu, dass jeder den Radler weiterhin als unwichtigsten Verkehrsteilnehmer wahrnimmt, immer weiter steigenden Zahlen rund um den Radverkehr zum Trotz.
Nach der neuen Untersuchung „Mobilität in Deutschland“ ist der Radverkehr in Hamburg binnen neun Jahren um mehr als 50 Prozent gewachsen, von 2,2 Millionen Kilometern, die Hamburger im Jahr 2008 jeden Tag per Rad zurücklegten, auf täglich 3,4 Millionen. Wobei die Zahl schon wieder überholt und zu niedrig angesetzt sein dürfte. Trotzdem werden neue Wohnviertel wie in Mitte Altona ohne Fahrradstellplätze gebaut, und noch immer gibt es stark frequentierte Strecken wie entlang der östlichen Seite der Außenalster, auf denen die Radspur schmal wie ein Handtuch ist.

„E-Bikes fordern selbst geübten Radlern neue Bewegungs- und Verhaltensmuster ab“
Matthias Faber

Beim Überholen des SUV wird es eng auf der Fahrbahn. Kaum ein Autofahrer hält beim Vorbeifahren die vorgeschriebenen 1,5 bis 2 Meter Sicherheitsabstand zum Rad ein. In diesem Moment erscheint die in Hamburg im Frühjahr gestartete Werbekampagne „Fahr ein schöneres Hamburg“ für mehr Radverkehr in der Hansestadt wie ein Hohn. „So eine Kampagne ist sinnvoll“, sagt Faber, „aber davor und währenddessen gibt es viele Schritte, die getan werden müssen, damit so eine Aktion glaubwürdig ist.“ Wobei sich die Langsamkeit, mit der Maßnahmen in der Elbmetropole umgesetzt werden, nicht sonderlich von anderen Städten unterscheidet. „Die politische Motivation fehlt“, so Faber. Was man aber auch erwähnen muss: An manchen Stellen hat sich in der Hansestadt die Situation für Radler verbessert, worüber sich Matthias Faber sichtlich freut, was ihn aber nicht davon abhält, einen Moment später von breiten Fahrradtrassen zu träumen, die quer durch die Stadt führen. Von Parkbuchten, die von der Stadt in überdachte Fahrradständer verwandelt werden, und von Flotten von Diensträdern, die vom Arbeitgeber subventioniert und gewartet werden. Am liebsten würde Matthias Faber jeden Menschen zum Radfahren bewegen. Da mag auch eine Portion Selbstzweck mitschwingen, aber man glaubt ihm seine Überzeugung. Und wie ist es mit dem Schmuddelwetter in Hamburg? „Das stört mich auf dem E-Bike nicht mehr so.“ Weil man schneller unterwegs ist und damit weniger dem Regen ausgesetzt. Nebenbei weist er darauf hin, dass es beim Ausweichen sinnvoll ist, beide Pedale parallel zum Boden zu halten. Hat man einen Fuß unten und einen oben, verlagert sich automatisch das Gewicht auf eine Seite. Und Balance ist wichtig, gerade im Herbst, wenn jede Fahrt über Laub und Kopfsteinpflaster zur Schlitterpartie wird. Am Ende unserer Runde weist er mich noch darauf hin, dass ich den Lenker nicht fest genug halte, und wir üben den Schulterblick beim Handzeichengeben – eine Sache, die ich in meinem Leben vermutlich noch nie getan habe. Denn auch das gehört zum Fahrtraining dazu: sich neben allem Technischen als Fahrradfahrer richtig zu verhalten. Mit gutem Beispiel vorangehen. Und das ist durchaus etwas, was man sich immer wieder mal in Erinnerung rufen kann.

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Text: Wiebke Brauer
Fotos: Michael Nehrmann

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