Zwischen Juni und September kann man am Flimjoch auf knapp 2800 Meter Höhe biken | Foto: TVB Paznaun-Ischgl

Zwischen Juni und September kann man am Flimjoch auf knapp 2800 Meter Höhe biken | Foto: TVB Paznaun-Ischgl

Der Herr der Trails

29.08.2019

Die Berge rund um Ischgl sind bei Mountainbikern sehr beliebt. Wie aber baut man Trails in solchen Höhen, Herr Freriks?

Marc

Wenn man Marc Freriks zuhört, möchte man meinen, seine Tage haben deutlich mehr als die üblichen 24 Stunden. Der 42-Jährige betreibt mit seiner Frau einen Gasthof, engagiert sich als Obmann im Tennisverein, ist Vater und ist für so ziemlich alles zuständig, was in Ischgl und Umgebung mit Mountainbike- Trails zu tun hat. Gut 20 Jahre lebt er nun schon im Paznaun. Dass der Mann eigentlich aus dem niedersächsischen Westerstede bei Oldenburg stammt, möchte man kaum glauben. Für eine Saison wollte er damals mit einem Freund nach Ischgl. Mal was anderes sein als Kaufmann bei Oldenburg. Für das Radfahren in den Bergen hatte er sich damals schon begeistert. Und der eher für Wintersport bekannte Ort in Tirol bietet Bikern ein weitverzweigtes Streckennetz. Über 1000 Kilometer an Trails und Radwegen sollen es heute sein. Darunter auch die knapp drei Kilometer des neuen Flimjoch-Trails. Der führt von der 2752 Meter hoch gelegenen Bergstation der Flimjochbahn 440 Höhenmeter hinunter auf die Idalp. Und Marc Freriks, kann man sagen, kennt jeden Fußbreit davon.

Herr Freriks, wie baut man einen Trail auf knapp 2800 Meter Höhe?
Da muss ich zunächst einschränken: Ich habe den Flimjoch-Trail nicht direkt gebaut, ich habe den Bau geplant und betreut. Natürlich nimmt man da auch mal eine Schaufel oder Spitzhacke in die Hand, aber verantwortlich war letztlich eine Spezialfirma.

Dann sagen wir: Wie plant man einen solchen Trail in solcher Höhe?
Das ist ein sehr langer und sehr anspruchsvoller Prozess. Da gilt es, viele Gespräche zu führen, Auflagen zu beachten, Ideen zu haben, Überzeugungsarbeit zu leisten. Kommunikation ist alles. Beim Flimjoch-Trail dauerte die Planung gut zwei Jahre. Zuallererst muss man sich aber natürlich selbst im Klaren darüber sein, welche Art von Trail man gestalten will und welchen Schwierigkeitsgrad er haben soll.

Fangen wir damit an: Was zeichnet den Flimjoch-Trail aus?
Wir befinden uns hier in einer beliebten Wintersportregion, die im Sommer auch für Radfahrer immer attraktiver wird. Insofern wollten wir einen Trail, der für ein breites Publikum taugt und nicht zu hohe Anforderungen an die Fahrer stellt. Schön flowig, wie wir sagen, sollte er sein.

Und wie muss man sich den Bau dann praktisch vorstellen?
Der Großteil der Bauarbeiten wurde von vier Leuten mit zwei Baggern geschafft. Die Maschinen bauen den groben Weg, bewegen die Erde und richten die Steine ein. Danach kommt ein Handbau-Team und designt den Trail. Mit einer Vibrationsplatte wird ein fertiges Stück dann verdichtet. Pro Tag wurden zwischen 30 und 100 Meter fertiggestellt. Gedauert hat der Bau mit Unterbrechungen knapp ein Jahr. Im Juli 2018 konnten wir eröffnen.

Woran erkennt man, ob so ein Trail am Ende ein guter Trail geworden ist?
Zum Beispiel daran, dass man nicht viel bremsen muss, weil man das Gelände gut in die Wegführung integriert hat. Das ist aber gleichzeitig Wunsch und Herausforderung.

Was macht das so schwierig?
Zu Beginn überlegt man sich eine Strecke, zeichnet, einfach gesagt, eine Route in eine Karte. Dann wird das mit den zuständigen Behörden, dem Umweltamt und Anliegern besprochen – und entsprechend angepasst. Ist der Trail einmal genehmigt, muss er auch so gebaut werden. Stößt man bei den Arbeiten auf Hindernisse, kann man nicht einfach eine Umgehung bauen, aber auch nicht einfach einen Bach umleiten. Da muss man dann improvisieren. Dazu kommt: Von September bis Mai liegt hier Schnee.

Kann man erkennen, ob und wo am Flimjoch improvisiert werden musste?
Ganz ehrlich: Man kann nie genau so bauen, wie man es sich vorgenommen hat. Auch am Flimjoch mussten wir den einen oder anderen Kompromiss eingehen. Aber wir können da sicher noch nachbessern. Wir müssen schauen und lernen, wie sich der Trail verhält – und immer wieder fahren. Das gehört dazu. So oder so bietet die Strecke aber schon eine Menge Spaß am Berg mit einem einzigartigen Panorama. Und naturbelassen gebaut haben wir auch.

Woran macht man das fest?
Zum Beispiel am Schotter für den Untergrund. Wir haben ausschließlich den genutzt, den wir vor Ort am Berg vorgefunden haben. War ein Teilstück fertig, wurde sofort mit der Rekultivierung der Pflanzen begonnen.

Wie wird man eigentlich als zugereister Niedersachse zum Herrn über die Trails von Ischgl?
Das hat sich einfach ergeben. Das Mountainbike hat mich schon immer fasziniert, ich habe mich zum Guide und Trainer ausbilden lassen, und dann sind Planung und Betreuung der Trails mit der Zeit dazugekommen.

Sie bewirten auch die Gäste, die später die Trails befahren: Was hat sich da in letzter Zeit getan, Stichwort E-MTB?
Grundsätzlich kommen im Sommer immer mehr Menschen zu uns. Das E-MTB sorgt dafür, dass immer häufiger auch weniger erfahrene Biker darunter sind. Aber auch viele, die früher mit einem analogen Mountainbike hierherkamen, sind heute auf einem E-MTB unterwegs. Mir persönlich hilft die elektrische Unterstützung bei meiner Arbeit natürlich auch. Es sind schon einige Hundert Kilometer, die ich pro Saison auf den Trails unterwegs bin.

Denn mit der Planung und dem Bau ist es nicht getan, nicht wahr?
Mit so einem Trail ist man nie wirklich fertig. Ich kümmere mich um die Instandhaltung, Aus- und Verbesserung, Beschilderung und was sonst noch anfällt. Ich nehme auch Besucher auf Touren mit. Ich bin halt Biker, Guide und Gastwirt in einem.
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Interview: Patrick Morda

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