Eine hohe Akku-Kapazität bringt mehr Reichweite. Sinnvoll, wenn man sie braucht

Eine hohe Akku-Kapazität bringt mehr Reichweite. Sinnvoll, wenn man sie braucht

Das Akku-Wettrüsten

06.11.2020

E-Bikes mit mehr als 1000 Wattstunden Akku-Kapazität sind heute keine Seltenheit. Doch ist weniger nicht manchmal mehr?

Die Kapazität beschreibt die Menge an elektrischer Ladung, die ein Akku speichern kann. Theoretisch bedeutet also mehr Kapazität auch eine höhere Reichweite. Die aber kann nur erzielt werden, indem mehr Zellen hinzugefügt werden – was wiederum ein Plus an Gewicht bedeutet. Ein E-Bike-Akku mit 500 Wattstunden wiegt in etwa drei Kilogramm, ein 1000-Wh-Doppel-Akku das Doppelte.

Gewicht ist auch bei E-Bikes nicht unerheblich. Einerseits muss die zusätzliche Masse beschleunigt und auch wieder abgebremst werden, andererseits kann es den Schwerpunkt negativ beeinflussen und somit das Fahrverhalten verschlechtern – ganz abgesehen davon, dass man sein Rad manchmal auch treppauf und -ab tragen muss. Auch in Sachen Nachhaltigkeit (-> Seite 88) muss man große Akkus hinterfragen.

Sind große Energiespeicher an E-Bikes also fehl am Platz? Die Antwort lautet ganz klar: Jein. Kraftvolle Motoren mit einem Drehmoment von mehr als 70 Newtonmetern benötigen adäquate Kapazitäten, um auf akzeptable Reichweiten zu kommen. Neben Faktoren wie Temperatur, Untergrund, Steigung, Geschwindigkeit und Trittfrequenz ist jene Reichweite vor allem von der gewählten Unterstützungsstufe (-> U-Faktor, S. 106) abhängig. Bei modernen Antriebssystemen sind bis zu 430 Prozent Unterstützung keine Ausnahme mehr. Dementsprechend hoch ist auch der Energieverbrauch. Ein 500-Wattstunden- Akku reicht aus für 100 Kilometer, solange man die Unterstützung mit Bedacht wählt. Mit der Einstellung „Turbo“ lässt er sich aber auch in weniger als 40 Kilometern leerfahren.

Auf einen Blick

Entscheidend für die Akku-Größe ist, wo und wie intensiv man sein E-Bike einsetzen will. E-Mountainbikern fällt diese Wahl schwerer als Tourenfahrern. Einerseits benötigt man gerade im alpinen Gelände eine hohe Reichweite (besser gesagt: Reichhöhe), andererseits sollte der Spaß bergab nicht durch ein zu schweres Bike mit nur mittelmäßigem Handling geschmälert werden. Für den Einsatz in der Stadt muss man sich die Frage stellen, wie oft man zum Beispiel sein E-Bike trägt – sei es über Treppen oder aber in den Keller. Und ob sich dann ein großer, gewichtiger Akku in Relation zur üblicherweise gefahrenen Strecke wirklich lohnt. Letztlich bezahlt man die Reichweite nicht nur mit Gewicht, sondern auch mit Geld. Oft wird ein E-Bike- Modell mit dem „großen“ oder „kleinen“ Akku angeboten – nachfragen kann sich da lohnen. Auch ein Range-Extender kann eine Alternative darstellen.

Grenzenlose Reichweite bei perfekten Fahreigenschaften und hoher Unterstützung – dieser Idealfall ist bis heute nicht umsetzbar; bislang ist die Entscheidung stets ein Kompromiss. Ein pauschales „Viel hilft viel“ ist bezüglich der Akku-Kapazität nicht die perfekte Strategie. Denn manchmal ist weniger eben doch mehr.
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Text: Michael Grosse-Hering