Das ist ja wohl der Gipfel. Na ja, jedenfalls fast. Zum Ziel-Bier gibt’s „Europas höchste Bratwürste“ und Vinschgauer Brot | Foto: Sebastian Stiphout für FOCUS-Magazin

Das ist ja wohl der Gipfel. Na ja, jedenfalls fast. Zum Ziel-Bier gibt’s „Europas höchste Bratwürste“ und Vinschgauer Brot | Foto: Sebastian Stiphout für FOCUS-Magazin

Berge statt Beach

04.06.2021

Die Bikes von Ruff Cycles sind ja eher was zum Cruisen in Huntington Beach. Aber warum nicht auch für die 48 Serpentinen des Stilfser Jochs? Ein Fahrversuch auf dem höchsten Gebirgspass Italiens.

Schon der Sattel ist die Härte. Kerniges Leder auf breiter Schale. Nichts für lange Strecken, ganz klar. Erst recht nicht für heftige Anstiege in den Bergen. Geht ja auch gar nicht, bei der Sitzposition: niedrig und etwas gebeugt, die Füße lässig nach vorne gestreckt. Alles ein bisschen unpraktisch und unhandlich. Wie auf einer Harley aus den 30er Jahren an den Küsten Kaliforniens halt. Nur, dass man auf einem Fahrrad sitzt, wenn auch mit elektrischem Antrieb.

Eigentlich war es ja nur so eine verrückte Idee, ein Spruch zwischen Kumpels, als ich diesen Cruiser zum ersten Mal irgendwo in der Stadt rumfahren sah: Flachlandstrand kann doch jeder. Damit aufs Stilfser Joch, das wäre ein Knaller! Aber geht so was überhaupt?

Gute Frage, hieß es beim Hersteller Ruff Cycles aus dem bayerischen Regensburg, würde uns auch interessieren. Sollen wir es mal zusammen ausprobieren? Also nicht nur mit diesem Chopper, sondern noch dazu mit seinem ebenfalls elektrifizierten kleinen Bruder, einem neu interpretierten Bonanza-Rad. Sieht doch in den Alpen genauso deplatziert aus. Eines davon muss einen fast 40 Kilo schweren Anhänger ziehen. Ersatzakkus und Werkzeug, solche Sachen.

25 Kilometer bergauf
Jetzt stehen wir also da, am Ortsausgang der Südtiroler Gemeinde Prad. Vier Jungs, darunter auch der Ruff-Gründer Pero Desnica. Startklar für einen Fahrversuch der etwas anderen Art. Rauf zum 2758 Meter hohen Stilfser Joch. Es ist der höchste Gebirgspass Italiens und der zweithöchste Europas. 48 Steilkehren, bis zu 15 Prozent Steigung, knapp 25 Kilometer und 1850 Höhenmeter nur bergauf. Die Pass-Straße verbindet Südtirol mit der Lombardei. Sie ist nur maximal sechs Monate im Jahr geöffnet.

Am nächsten Tag soll es dann über den Umbrail-Pass Richtung Schweiz weitergehen und dann talwärts retour. Eine echte Buddy-Challenge.

Schon auf den ersten 500 Metern bremsen Autos und Motorräder ab, um unseren Prozessionszug zu bestaunen. Solche Fahrräder auf dem Weg bergwärts – noch dazu eines mit Anhänger? Passt alles nicht ins gewohnte Bild. Trotzdem Daumen hoch.

Dann gibt’s eine Vollbremsung, einen Nothalt. Auf der rechten Seite stehen am Straßenrand plötzlich jede Menge verstörende Objekte und Totempfähle aus Holzstücken, Knochen, Geweihen, Federn und Läufen von Wildtieren, teils ordentlich bunt verziert. Und mittendrin ein älterer Mann mit Schnauzer und kargem Haupthaar, der auf uns zuläuft, weil er uns „melken“ möchte. Einen Euro verlangt er für die Besichtigung der Objekte in seinem Open-Air-Atelier – von jedem von uns. Lorenz heißt er, Lorenz Kuntner. Er sei „Indianer“, sagt er, ist freischaffender Künstler, wirkt aber eher wie ein Stand-up-Comedian. Ein Spruch nach dem anderen, bis neue Leute kommen, die er abkassieren kann. Nix wie weiter …

„Greatest Driving Road in the World“
Auf den kommenden Kilometern, die ja erst der Anfang sind, merke ich, dass mir der Elektromotor das Pedalieren keineswegs abnimmt. Es ist immer noch Arbeit. Noch dazu auf einem Stretch-Cruiser, der fast die Länge eines Tandems hat und immerhin 33 Kilogramm wiegt. Zwischen meinen Beinen steckt in einer Art Tank der 500-Watt- Akku. Wie lange der wohl halten wird? Im Normalbetrieb müsste eine Reichweite von bis zu 90 Kilometern drin sein, aber hier?

Die Straße rauf auf der Via Trafoi führt uns durch den kleinen Ort Gomagoi. Wir überholen ein paar Rennradfahrer, uns überholen alte Porsches und neue Ferraris. Immerhin hat das britische Auto-TV-Magazin „Top Gear“ die Stilfser Jochstraße, im Italienischen schlicht Stelvio genannt, mal zu einer der „Greatest Driving Roads in the World“ erklärt.

Hinter einer Kurve auf knapp 1500 Meter Meereshöhe sehen wir zum ersten Mal so richtig die 48 Serpentinen rauf zum Pass und seitlich davon den schneebedeckten 3905 Meter hohen Gipfel des Ortler. Puh! Erst mal ein paar Nudeln fassen im Hotel „Bella Vista“, in dem während der ersten Hochblüte des Alpentourismus auch die Familie von Adam Opel Urlaub gemacht hat. Oder auch Sigmund Freud. Passt doch zu uns. Der Inhaber des Hauses ist so was wie eine lebende Legende, der mehrfache Skiweltmeister und Olympiasieger Gustav Thöni, heute 70 Jahre alt. Als wir unsere Bikes parken, kommt seine Frau Ingrid sofort vor die Tür und setzt sich neugierig auf den Cruiser.

Dann die ersten Serpentinen und der erste leere Akku. Meiner. Nach 17,38 Kilometern habe ich bereits eine komplette Ladung verballert. Peter Dobner, der Mechaniker, ist mit seinem Bike samt Hänger ungefähr hundert Meter hinter mir. Wir tauschen die Akkus und fahren weiter. Die nummerierten Kurven werden steiler und enger, die Luft dünner. Bei Kurve 25 kommt uns eine Gruppe Motorradfahrer entgegen, bergab. Plötzlich hören wir unter uns ein kurzes Krachen und sehen in einer engen Kurve ein Motorrad auf der Straße liegen. Wieder runter, erste Hilfe. Der Fahrer ist okay, seine 1200er von BMW nicht ganz so. Zusammen mit seinen Freunden stemmen wir die rund 250 Kilogramm Liegendgewicht wieder in die Senkrechte.

Jungs eben!
Es wird kälter, also Jacken an. Über die Kämme des Jochs ziehen erste Wolkenfetzen. Abends soll es gewittern. In einer Kurve noch weiter oben machen wir einen kurzen Stopp. Gut so, die ganze Sache wird echt anstrengender! Es ist ein kleiner Parkplatz mit Schneeresten, und der macht uns vier im Nu zu Kindern. Mit zwei der Bikes, eines heißt passenderweise „Lil’ Buddy“, preschen wir abwechselnd durch Schnee und ein paar Pfützen. Pero Desnica, der Ruff-Macher, ist begeisterter Freerider. Er legt sich ein paar kleine Steine als Rampe vor eine der Pfützen und springt im hohen Bogen über das Wasser. Jungs eben!

Noch zehn Kurven, noch acht, noch fünf. Immer wieder begegnen uns Fahrzeuge, deren Fahrer auf uns und unsere Challenge irgendwie reagieren. Mit Daumen, rufen oder hupen. Manche gucken auch einfach nur weg. Ist ja schließlich eng hier, und es gibt ja genug anderes zu sehen als vier verrückte Männer, die mit Strandrädern unbedingt auf einen Gebirgspass wollen. Letzte Kurve. Wir fahren wieder dicht an dicht. Kurz vorher musste ein weiterer Akku getauscht werden, die anderen halten noch. Es geht also tatsächlich, so eine Challenge. Herrliches „Easy Rider“-Gefühl gerade, auf meiner Harley für Radler. Großes Kino rund um mich herum.

Nichts als rutschiger
Schotter Wir sind mächtig aufgedreht und ordern uns auf der Passhöhe erst mal vier Bier und eine von „Europas höchsten Bratwürsten“, die hier auf dem Grill liegen. Dazu Vinschgauer Brot, Senf und angebratenes Sauerkraut. Was wir in dem Moment noch nicht wissen: Wir haben 87 Höhenmeter vor uns, auf einem militärhistorischen Trail, rauf zu unseren Schlafplätzen in der burgähnlichen Garibaldi-Hütte auf 2843 Meter Höhe. Die 15-Prozent-Steigungen auf der Pass-Straße unter uns wirken fast lächerlich im Vergleich zu diesem Anstieg hier. Nichts als rutschiger Schotter und viel zu steil. Wir schieben und fluchen und versuchen alles, damit uns das Bike mit dem Hänger nicht talwärts entgleitet. Was gelingt. Oben ist meine zweite Akkuladung leer, ich habe mit Abstand am meisten Strom verbraucht. Das Gewitter kommt erst am späteren Abend.

Am nächsten Tag um halb sechs Uhr morgens ein erster ungläubiger Blick aus dem Hüttenfenster. Überall Wolken. Eigentlich wollten wir von hier aus offroad über einen Breitkamm Richtung Piz Cotschen, ein 3000er-Gipfel. Wenigstens ein paar Hundert Meter schaffen wir, während die Wolkendecke für Minuten aufreißt. Der Ausblick runter ins Trafoital ist der Hammer.

72 km/h bei Starkregen
Nach dem Hüttenfrühstück geht’s wieder bergab, über den 2503 Meter hohen Umbrail-Pass, den höchsten Straßenpass der Schweiz. Der Grenzposten – verlassen. Die Grenze, wie ein Vorhang. Dahinter beginnt der Regen. Erst vorsichtig, dann heftig, und nach ein paar Kurven runter ins Münstertal regnet es senkrecht und waagerecht. Gefühlt. Wir kacheln die Gebirgsstraße hinab, mein Display vermerkt als Spitzengeschwindigkeit 72 Stundenkilometer. Bei Starkregen, wohlgemerkt. Zwischen dem Hinterrad und dem Schutzblech meines Bikes schießt eine Fontäne gen Himmel.

Es ist einfach nur kalt und nass und nasskalt. Die restlichen Kilometer zurück nach Prad reißen wir einfach runter. Ist ja eh egal. Plötzlich landen wir wieder da, wo alles angefangen hat. „Geht also doch“, sagt Pero Desnica und grinst. Verrückte Idee!

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Text: Stefan Ruzas
Fotos: Sebastian Stiphout für FOCUS-Magazin